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Hanks Welt : Die gute Hirtin Angela

Rainer Hank Bild: F.A.Z.

In der Krise setzt nicht nur der Staat maximale Grenzen. Auch die autoritären Züge der Bürger werden geweckt. Das sollte schnell ein Ende haben.

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          Zanderfilet mit geschmortem Fenchel und Knoblauch-Kartoffelstampf hat Christian Jürgens uns in seiner Kochkolumne jüngst vorgeschlagen. Jürgens ist Chefkoch des legendären Restaurants „Überfahrt“ in Rottach-Egern am Tegernsee, auf den Mann ist Verlass. Sein Zander-Rezept eigne sich hervorragend für große Gruppen, schreibt Jürgens, er habe es oft für die Großfamilie am Karfreitag zubereitet. Das ist der Moment, in dem ich innerlich zusammenzucke: Große Gruppen? Das geht doch gar nicht, durchfährt es mich.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich komme ins Grübeln: Oder ist das Essen in der Großfamilie noch erlaubt, wenn die Verwandtschaftsbeziehung hinreichend eng ist? Da müsste man im staatlich erlassenen Corona-Manual nachschlagen. Ich ahne, Großfamilie wird wohl auch verboten sein.

          So weit ist es also gekommen: Innerhalb von drei Wochen ist uns der Abstandhaltereflex zur zweiten Natur geworden. Statt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen bei der Vorstellung von konfiertem Zander, werden Furcht und Angst mobilisiert. Es ist die Wiedergeburt autoritärer Persönlichkeitszüge aus dem Geiste von Corona. Der „autoritäre Charakter“, schreibt der Philosoph Erich Fromm, zeichnet sich durch Unterwürfigkeit und Konformitätsverhalten aus, ein Verhalten der Anpassung, hinter welchem Angst und Aggression nur schwer sich verbergen können.

          „Bleibt bitte zu Hause!“

          Wir hatten es tatsächlich gewagt, in der Karwoche – natürlich nur zu zweit – von Frankfurt aus einen kleinen Ausflug in den nahe gelegenen Rheingau zu machen, um eine Stunde lang dort spazieren zu gehen. Die Sache verlief äußert coronakorrekt: Fünf Meter Abstand zu allen Fremden waren gesichert, keine Gefahr sich nähernder Radler, denn die waren polizeilich verboten. Als wir zum Auto zurückkamen klebte unter dem Scheibenwischer eine Tempotuch mit der Botschaft mutmaßlich eines Einheimischen: „Bleibt bitte zu Hause!“ Die Bitte ist die höfliche Form der Drohung: Das nächste Mal stechen wir euch die Reifen ein. Präzise lässt sich hier die Entstehung der Fremdenfeindlichkeit beobachten; Xenophobie ist die Schwester der Angst. Ihr Inhalt ist irrational: Als ob wir böse urbane Viren in die reine Luft des Rheingaus verpusten würden.

          Man muss es wohl als Kollateralschaden der Pandemiebekämpfung ansehen: Die massiven Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten (Gewerbefreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, Glaubensfreiheit) schreiben sich ohne Murren in unser Verhalten ein. Wir wollen alles richtig machen, ermahnen die anderen, wenn sie es falsch machen, und entdecken befremdet einen kleinen, bislang unbekannten Denunzianten in uns. Wer das auch nur mit skeptischer Distanz beschreibt, bekommt, im wahrsten Sinn des Wortes, das Totschlagargument zu hören: Schließlich gehe es um Leben und Tod. Da sollten wir froh sein, dass der Staat sich um uns kümmere.

          Dem Staat als Kümmerer entspricht der Bürger als Untertan. Im Diskurs über die Staatsaufgaben, der sogenannten Staatszwecklehre, rangiert der Kümmer- oder Obrigkeitsstaat historisch am Anfang: Es ist ein Polizeistaat, ein Begriff, der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert einen durchaus positiven Klang hatte, ging es doch um die gute Verwaltung der „Polis“. Die „gute Policey“ bezieht sich auf die Aufgabe des Staates, für Ordnung im Gemeinwesen zu sorgen. Dazu gehört es, sich um Sicherheit, Wohlfahrt, Nützlichkeit und Glückseligkeit der Bürger zu kümmern, zu deren Durchsetzung es dann auch Staatsdiener – „Polizisten“ – braucht, welche hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Es ist der Anspruch einer weitgehenden Allzuständigkeit des Staates, der als Garant des kollektiven und individuellen Wohls sich versteht.

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