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Hanks Welt : Welche Alternative gibt es zur Impfpflicht?

„Er-impfte Grundrechte halten 6 Monate – erkämpfte Grundrechte halten ein Leben lang“: Impfgegner und Gegner von Corona-Einschränkungen demonstrieren Mitte Dezember in Rostock. Bild: dpa

Positive Anreize wirken, aber sie wirken nicht besonders gut: Wenn chronische Impfmuffel sich nicht mal überzeugen lassen, wenn die eigenen Angehörigen schwer erkranken – welche Alternativen zur Impfpflicht gibt es dann noch?

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          Wie bringt man Menschen zum Impfen? Eine Gesellschaft, die der europäischen Aufklärung verpflichtet ist, würde auf die Kraft des informierten Arguments setzen. Und hoffen, dass die Erkenntnis ein entsprechendes Verhalten nach sich zieht. Wenn es also erwiesen ist, dass (derzeit) eine dreifache Impfung ziemlich gut gegen eine Infektion schützt, dann spricht alles dafür, auf der Stelle das nächstgelegene Impfzentrum aufzusuchen. Im Kosten-Nutzen-Vergleich ist die Sorge um Nebenwirkungen wenn nicht zu vernachlässigen, so zumindest als sehr gering zu werten.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist das individuelle Nutzenkalkül. Die Impfung ist zudem ethisch aus al­truistischen Gründen geboten, weil wir damit dem Virus immer weniger Chancen geben, sein ansteckendes Geschäftsmodell zu verfolgen. Wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind, kann das Leben wieder losgehen. Entsprechend setzen Bundesregierung, Robert-Koch-Institut & Co. auf Aufklärung. Tut sich wenig, heißt es: Wir müssen eben noch besser und gründlicher informieren.

          Dumm nur, dass die Welt nicht nach diesem rationalen Informations-Verhaltens-Mechanismus funktioniert. Das haben zwei Mediziner des Massachusetts General Hospital (MGH) in Boston gerade wieder gezeigt. In einer Studie haben sie Daten von 750.000 Kindern ausgewertet, die mit einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs geschützt werden sollten. Den Impfstoff gibt es seit 2006. Er wird von Ärzten dringend empfohlen, stößt aber (vergleichbar mit dem Covid-Impfstoff) auf massive Gegnerschaft etwa unter konservativ-religiösen Eltern, welche die Impfung ihrer Kinder als eine Aufforderung zu vorehelichem Sex missverstehen wollen.

          Selbst das Erleben der Krankheit erhöht die Impfquote nicht

          Die Ärzte wollten nun wissen, ob Töchter von ungeimpften Müttern, die an Krebs erkrankt waren, eher bereit sind, sich impfen zu lassen (oder von ihren Müttern zur Impfung geschickt wurden). Die erkrankten Frauen, so die Annahme, würden sich besser über die schwere Krankheit informiert haben. Und die Töchter, die das Leiden ihrer Mütter kennen, müssten alles daransetzen, sich selbst vor einem solchen Schicksal zu schützen – eben durch die Impfung. Das Resultat der Studie ist jedoch ernüchternd: Die Kinder der mit dem Virus infizierten Mütter zeigten keine höhere Impfneigung im Vergleich zu den „uninformierten“ Mädchen. Das Erleben der Krankheit in der eigenen Familie trägt demnach nicht dazu bei, die Impfquote zu erhöhen. Das lässt sich auf den Widerstand der Impfmuffel in der jetzigen Pandemie übertragen: Familienmitglieder hospitalisierter Angehöriger widersetzen sich nicht selten einer Impfung, obwohl sie das Elend erlebt haben, das eine Covid-Erkrankung mit sich bringen kann.

          Die beiden MGH-Ärzte bringen Beispiele von Ärzten, die in ihren Praxen gegen Windpocken impfen, ihre eigenen Kinder aber nicht von der Notwendigkeit dieser Impfung überzeugen können (oder wollen). Axel Ockenfels, ein Ökonom an der Universität zu Köln und mein Gewährsmann in Sachen Verhaltensforschung, macht mich auf eine andere Studie aufmerksam, die nahelegt, dass Ärzte als Patienten bei der Einhaltung medizinischer Leitlinien bestenfalls geringfügig besser abschneiden als Patienten ohne medizinische Expertise. Der Nutzen von medizinischem Wissen für bessere Gesundheitsentscheidungen ist folglich sehr begrenzt. Auch dass wir zu wenig Sport treiben, Medikamente nicht wie verschrieben einnehmen, zu wenig fürs Alter vorsorgen und uns beim Autofahren vom Handy ablenken lassen, sagt Ockenfels, liege bekanntlich nicht daran, dass wir nicht wüssten, wie sehr all dies unserem Interesse zuwiderläuft.

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