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Hanks Welt : Mindestpreise für Fleisch sind ein Irrweg

Protestaktion gegen Billigfleisch in Düsseldorf Bild: dpa

Billiges Essen macht arme Menschen reich und satt. Steigende Fleischpreise würden nur die Margen der Unternehmen vergrößern.

          4 Min.

          Nahrungsmittel sind zu billig. Das hört man jetzt ständig. Die Corona-Masseninfektionen auf den Schlachthöfen gelten als Beweis. Die Begründung geht ungefähr so: Schlecht bezahlte Arbeiter aus Osteuropa verarbeiten unter unwürdigen Arbeitsbedingungen in Massentierfarmen gezüchtete Tiere, bloß damit wir hinterher beim Discounter vier Nackensteaks in Kräutermarinade zum Preis von 2,89 Euro (alle viere, wohlgemerkt) kaufen können.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Selbst wenn die Voraussetzungen der Argumentationskette zuträfen, ist dann die Schlussfolgerung korrekt? Wären die Arbeitsbedingungen für Menschen und die Wohlfühlbedingungen für Tiere besser, wenn unsere vier Nackensteaks für den doppelten Preis von 5,78 Euro verkauft würden? Böse Kapitalisten (wie es die Fleischfabrikanten nun einmal sind!) würden doch die höhere Marge sogleich ihren fetten Gewinnen aufaddieren, anstatt das Geld an Öko-Bauern und Werkvertrags-Arbeiter weiterzugeben. Allein dieses Gedankenexperiment macht deutlich, dass es ein riskantes Unterfangen ist, die Welt über höhere Preise verbessern zu wollen. In der Wirtschaftsgeschichte war es bislang jedenfalls eher üblich, dass die Welt sich über einen niedrigeren Preis gewandelt hat – zumal dies stets mit einem verteilungspolitischen Fortschritt verbunden war: Teure Dinge können sich nur die Reichen leisten. Billige Waren können Arme und Reiche kaufen.

          „Gute Lebensmittel muss sich in Deutschland jeder Bundesbürger leisten können“, verkündeten deshalb kürzlich Lidl & Co. Der Aufschrei war groß – vor allem von der mächtigen Wohlfahrtsindustrie, die durch die Einmischung der Discounter ihr Geschäftsmodell angegriffen sahen. Wer behaupte, billige Lebensmittel nützten den Armen, verhalte sich zynisch und missbrauche die Sozialhilfeempfänger, konterte der paritätische Wohlfahrtsverband, der kein Problem damit hat, dass Lebensmittel teurer werden: Wenn zugleich die Hartz-Sätze erhöht werden, müssen die Armen sich keine Sorgen machen. Eher schon die reicheren Bürger, die dann nicht nur beim Aldi, sondern auch beim Fiskus mehr Geld auf den Tisch legen müssen, um die Hartz-Sätze zu finanzieren.

          Die Discounter haben recht

          In historischer Perspektive haben nicht die Barmherzigkeitsverbände, sondern die Discounter recht: Niedrige Preise für Lebensmittel sind kein Skandal, sondern der Treiber des verteilungsgerechten Fortschritts. Während im Jahr 1850 hierzulande noch 61 Prozent der Konsumausgaben für Essen und Trinken (und Rauchen) aufgewendet werden mussten, waren es im Jahr 2018 nur noch knapp 18 Prozent. Das gesparte Geld kann für alternative Wünsche ausgegeben werden – Reisen an die Nordsee oder die Miete einer größeren Wohnung. Noch nie hat die Menschheit sich so gut ernährt wie heute. Noch nie mussten so wenige Menschen Hunger leiden – trotz der Vermehrung der Weltbevölkerung.

          Es waren vor allem vier große Innovationen, die zur Verbilligung von Lebensmitteln beitrugen. (1) Chemie (vor allem die Erfindung von Nitratdünger) hat die Erträge der Landwirtschaft verbessert. (2) Kapitaleinsatz (die Erfindung von Landmaschinen) hat die Arbeit auf den Höfen und Feldern erleichtert. (3) Massentierhaltung und Lebensmittelindustrie profitierten von Skaleneffekten. (4) Globalisierung vergrößerte das Lebensmittelangebot auf den Märkten und verbilligte die Waren aus aller Welt.

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