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Hanks Welt : Warum wollen alle Opfer sein?

Ein Opfer des Wetters. Bild: dpa

Die Hierarchie der Opfer wird aktuell angeführt vom Ostbürger – danach folgen die Frauen. Heutzutage kann sich jeder benachteiligt fühlen. Das hilft keinem.

          Demnächst beginnen die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Als eine Art Auftakt hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck jetzt die neuen Bundesländer bereist (darf man sie wirklich heute noch „neu“ nennen?). Darüber gibt es einen sehenswerten Film von Stephan Lamby, der am kommenden Dienstag, 9. April, im ZDF läuft. Erschütternd ist eine Unterhaltung Gaucks mit Frauke Petry, jener Frau, die es mit Durchsetzungswillen und Skrupellosigkeit an die Spitze der AfD geschafft hatte.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Petry versteigt sich zu der Behauptung, wie damals in der DDR sei auch heute das Volk der politischen Elite ohnmächtig ausgeliefert. Gauck widerspricht, will Petry zumindest zu der Einschränkung überreden, es sei das „Gefühl“ der Ohnmacht, das im Osten grassiere. Doch gereizt insistiert Petry, es gehe nicht nur um Einbildung („Gefühl“), sondern um eine ganz reale Angelegenheit.

          Die Hierarchie der Opfer wird angeführt vom Ostbürger

          Die Szene Ost im Jahr 2019 ist nicht zuletzt deshalb pikant, weil Pfarrer Gauck, ein Mann mit ostdeutscher Biographie, vor sieben Jahren, am 4. Oktober 2012, der Chemikerin und Pfarrersfrau Frauke Petry im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz verliehen hat, freilich nicht für ihre Verdienste in der AfD (die es damals noch gar nicht gab), sondern für ihren Berufsweg als (damals) erfolgreiche Gründerin und Unternehmerin. Gauck lobte Petrys „besondere Courage und Tatkraft im Bereich Forschung und Entwicklung“, Eigenschaften, die so ziemlich das Gegenteil einer gefühlten oder realen Ohnmacht im Kapitalismus darstellen.

          Umso unfassbarer erscheint es Gauck, dass eine Frau mit dieser Nachwende-Erfolgsgeschichte sich und ihre Landsleute als wehrlose „Opfer“ machtvoller Eliten darstellen kann – anstatt zu loben, dass der 9. November 1989 für alle Ostdeutschen Freiheit und die Chance zu einem selbstbestimmten Leben gebracht hat.

          „Du Opfer“ lautet ein unter Jugendlichen beliebtes Schimpfwort. Daraus ist inzwischen ein Plural viktimologischer Selbstbeschreibung einer ganzen Gesellschaft geworden, die sich in unterschiedliche Opfergruppen auffächert und einen Wettbewerb darüber abhält, wer von ihnen am ohnmächtigsten sei. Die Hierarchie der Opfer wird aktuell angeführt vom Ostbürger, dicht gefolgt von den Frauen als Gattung: unterdrückt, schlecht bezahlt, zum Kinderkriegen verurteilt, an der Karriere gehindert, unablässig männlichen Übergriffen ausgesetzt. Aber natürlich sind wir alle, Frauen wie Männer, Opfer der Globalisierung, die uns die Arbeit wegnimmt, uns dem Diktat von Amazon, Facebook & Co. unterwirft und an der Ungleichheit der Vermögen und Einkommen schuld ist.

          Die Erfolgsgeschichten unterschlägt man lieber

          Ganz Afrika ist bis heute Opfer des Kolonialismus, das lindern auch Milliarden an Entwicklungshilfe nicht. Flüchtlinge sind Opfer der Gewalt in ihren Heimatländern, und wir sind Opfer der Massenmigration von Flüchtlingen in den Westen. Bald werden wahrscheinlich auch die „alten weißen Männer“ ihre Chance im Opferdiskurs ergreifen (Sophie Passmann wird das schon noch hinkriegen). Opfer allerorten. Manche von uns sind Mehrfachopfer. Die jeweiligen Erfolgsgeschichten unterschlägt man lieber.

          Was macht es so attraktiv, Opfer zu sein? Das Opfer kann die Schuld für sein Schicksal anderen Menschen oder anonymen Mächten zuschreiben. Schicksal wird ausschließlich im Modus der Schuld verhandelt, freilich um den Preis des Eingeständnisses der eigenen Machtlosigkeit. Wer die Ostdeutschen, die Frauen und andere Gruppen dazu auffordert, sich nicht „als Opfer zu definieren“ (ein regelmäßiger Gesprächszug im Opferdiskurs), wird auf aggressive Zurückweisung stoßen und dem Verdacht ausgesetzt, anderen die Schuld für (gefühltes oder wirkliches) Unglück in die Schuhe zu schieben. Dass das Schicksal stets eine Melange aus Zufall, Leistung, Strukturen und dem Willen zur Veränderung derselben ist, das ist im fatalistisch enggeführten Opferdiskurs nicht vorgesehen. Es geht einzig um die binäre Schuldfrage: ich oder die anderen!

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