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Hanks Welt : Die Bischöfe sind Geisterfahrer

Die katholische Kirche hat den „synodalen Weg“ eröffnet, einen Dialog, der zur Aufklärung des Missbrauchsskandals beitragen soll. Bild: dpa

Die Katholische Kirche will Steuergelder für die Entschädigung von Missbrauchsopfern ausgeben. Damit übernimmt sie aber keine Verantwortung für den Skandal.

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          Vor zehn Jahren wurde der Missbrauch von Jugendlichen am Berliner Canisiuskolleg öffentlich. Die Aufarbeitung des Skandals durch die deutsche Katholische Kirche ist selbst ein Skandal. Kein Verantwortlicher der kirchlichen Hierarchie hat Konsequenzen gezogen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die systemischen Gründe des Machtmissbrauchs – der Klerikalismus der Männer und eine vorneuzeitliche Rechtsordnung ohne Gewaltenteilung – wurden offiziell nie klar benannt. Ob der als „Reformdialog“ vermarktete „synodale Weg“, der nun in Frankfurt eröffnet wurde, daran etwas Fundamentales ändert oder am Ende als Schwatzbude zur Konkursverzögerung in die Geschichte eingeht, ist offen. Ins Stocken geraten – ein weiterer Skandal – ist auch die Frage der Entschädigung der Missbrauchsopfer. Da geht es ums Geld. Auch damit hat sich die Kirche immer schwergetan.

          Der Stand: 5000 Euro, in Einzelfällen auch mehr – das ist im Moment die gängige Entschädigungssumme für Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche. Das Wort „Entschädigung“ wurde dabei möglichst vermieden. Stattdessen ist von einer „materiellen Anerkennung erlittenen Leids“ die Rede. Im vergangenen Herbst haben die Bischöfe dann die Vorschläge einer Arbeitsgruppe beraten. Dort wurde zwei Modelle diskutiert. So wäre für alle Betroffenen ein Pauschalbetrag von 300.000 Euro möglich. Damit würde keine „Leidenskonkurrenz“ entstehen und die Entschädigung wäre recht schnell umzusetzen.

          Alternativ möglich wäre auch ein gestuftes Modell, bei dem je nach Schwere des erlittenen Unrechts zwischen 40.000 und 400.000 Euro gezahlt werden. Dieses Vorgehen hätte den Vorteil, dass Einzelfälle stärker berücksichtigt werden könnten.

          Rainer Hank

          Die Beträge bleiben immer irgendwie willkürlich und wollen und können Leid nicht ungeschehen machen. Die Höhe orientiert sich an der Bemessung von Schmerzensgeldzahlungen im staatlichen Bereich, das laut „Bürgerlichem Gesetzbuch“ (BGB) eine „Ausgleichs- und Genugtuungsfunktion“ haben soll. Ausgegangen wird von einer monatlichen Entschädigung in Höhe von 500 Euro.

          Diese Summe stelle einen maßvollen Mittelwert verschiedener Leistungen dar, die im Bereich staatlicher Opferentschädigung als monatliche Rente gezahlt werden, heißt es. Jährlich wären das 6000 Euro. Nimmt man als Laufzeit 50 Jahre an, gerechnet vom Zeitpunkt des Missbrauchs, so kommt man am Ende auf die pauschale Summe von 300.000 Euro.

          Fehlinterpretation

          Dass sich die Bischöfe in der Frage der Entschädigung nicht einigen wollten, liegt auch daran, dass unklar ist, woher die Mittel der Entschädigung kommen sollen. Wie gesagt, es geht um viel Geld: Die von den Bischöfen in Auftrag gegebene sogenannten MHG-Studie listet für den Zeitraum von 1946 bis 2014 insgesamt 3677 Opfer auf; 1670 Kleriker werden der Taten beschuldigt. Mutmaßungen über die Dunkelziffern sprechen von 100000 Opfern.

          Würde allen „offiziell“ anerkannten 3677 Opfer die pauschale Summe von 300.000 Euro gezahlt, summierte sich der Finanzbedarf auf gut eine Milliarde Euro. Als Schreckgespenst steht den Bischöfen die amerikanische Kirche vor Augen: Dort landeten etliche Diözesen in der Insolvenz.

          Angesichts der hohen Summe kam der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Kirche, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, auf die Idee, die Entschädigungsleistungen aus Kirchensteuermitteln zu finanzieren. Auch wenn es vielen Gläubigen widerstrebe, mit ihren Beiträgen für Verfehlungen einzelner Geistlicher einzustehen, seien die Kirchenmitglieder als „Solidargemeinschaft“ in der Pflicht, meint Ackermann. Die Begründung: Die deutschen Steuerzahler müssten ja auch für die gescheiterte PKW-Maut aufkommen: „Wir zahlen für Andi Scheuers Autobahnen“, so der Bischof.

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