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Hanks Welt : Das Diktat der Populisten

Aktivisten von Extinction Rebellion demonstrieren an diesem Wochenende in London. Bild: Reuters

Die Proteste von „Extinction Rebellion“ in Berlin zeigen vor allem eins: Wir sollten die Klimadebatte nicht den Angstmachern überlassen. Das macht faul.

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          Extinction Rebellion“ heißt der neueste Zweig der Protestbewegung gegen den Klimawandel. „Extinction Rebellion“ bedeutet: Aufstand gegen das Aussterben der Gattung. Die Protagonisten rufen zum „massenhaften zivilen Ungehorsam“ auf.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit Kinderwagen und Babytragetüchern an vorderster Protestfront geht es – quasi in letzter Minute – um die Rettung der Menschheit vor ihrem Untergang. „Mich betrifft es ja nicht mehr, wenn die Welt untergeht“, sagt ein mitdemonstrierender Rentner: „Aber die Sorge für meine Nachkommen mache ich durch Aktivismus wett.“

          Das Ende der Welt ist nahe. Immer stärker ist dieser apokalyptische Ton in den Protesten der Klimaaktivisten zu vernehmen. Das zugrundeliegende Ängstigungsschema geht in etwa so: Es ist fünf vor zwölf. Wenn in diesen letzten fünf Minuten nichts passiert, müssen unsere Kinder erleben, wie die Welt untergeht. Die Erde erwärmt sich, der Meeresspiegel hebt sich. Was danach kommt, erlebt kein Mensch mehr.

          Die Dramatik der Naherwartung des Untergangs rechtfertigt ungewöhnliche Maßnahmen zu seiner Vermeidung. „Wenn es irgendwann einen grüngefärbten Notstandsstaat geben sollte, dann, weil die Klimakrise so dramatisch geworden ist, dass sie anders nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden kann“, schreibt der Ökoaktivist Bernd Ulrich: „Die Ökodiktatur verdankte sich dann nicht einem politischen Sieg der Ökologen, sondern deren Niederlagen und dem aggressiven Attentismus ihrer Kritiker, nicht aus ökologischer Ideologie, sondern ökologischen Unterlassungen.“

          Bloß keine Notstandsverfassung

          Mit anderen Worten: Das drohende Endspiel der Geschichte rechtfertigt eine Notstandsverfassung, welche die demokratischen Grundrechte außer Kraft setzt („Diktatur“). Schuld an diesen Maßnahmen tragen nicht etwa die ökologisch motivierten Putschisten, die diese Ermächtigungsgesetze erlassen werden, sondern alle übrigen Menschen bösen Willens, die verhindern, dass die Klimafreunde ihr Rettungsprogramm durchsetzen können.

          Gegen eine deutsche „Notstandsverfassung“ sind wir in den sechziger Jahren auf die Straße gegangen, weil wir Sorge hatten, diese könne zum Einfallstor für die Wiederkehr des Faschismus werden. Auch die Kommunisten haben die Notwendigkeit eines Schreckensregimes stets den Antikommunisten in die Schuhe geschoben, die dem Weg zum klassenlosen Paradies Steine in den Weg legen.

          Als klimafreundliche Ökodiktatur zur Verhinderung des Weltuntergangs findet eine solche Notstandsverfassung heute viele Unterstützer. Das ist nichts anderes als purer Populismus, vorgetragen von Leuten, deren Selbstverständnis ein elitäres, ganz und gar nicht populistisches ist.

          Wir sollten den Klimawandel nicht den Apokalyptikern überlassen. Sie handeln nach dem Motto, der gute Zwecke heilige am Ende die ökodiktatorischen Mittel, die der Gegner leider ihnen aufgezwungen habe. Naherwartung setzt den Normalzustand außer Kraft. Wir sollen unser gesamtes Leben ändern (essen, reisen, wohnen). Wer dazu nicht aus freien Stücken bereit ist, wird gezwungen. Schließlich, wie gesagt, ist es fünf vor zwölf.

          Apokalyptiker schaden dem Klima

          In Wirklichkeit nützen die Apokalyptiker dem Klima nicht, sie schaden ihm. Denn die kritische Frage an alle Weltuntergangspropheten lautet: Was ist, wenn das Ende der Welt nicht eintritt, zumindest nicht zu dem erwarteten Termin?

          Gewiss, bei den Aktivisten der Naherwartung ist dieser Fall gar nicht vorgesehen, sie glauben ja an den drohenden Weltuntergang. Bloß dass in der bisherigen Geschichte der Menschheit empirisch ihr Ende noch nicht vorgekommen ist.

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