https://www.faz.net/-gqe-9bzlf

Eskalation im Handelsstreit : Autozölle sind nicht vom Tisch

Bild: dpa

Die Aktienkurse von BMW, Daimler und Volkswagen steigen stark. Macht Donald Trump die angedrohten Autozölle doch nicht wahr? Hinter dem Twitter-Gewitter könnte auch etwas anderes stecken.

          Donald Trump droht mit zusätzlichen Zöllen auf Autos und Autoteile. Die Folge dessen wäre gravierend, zumal verglichen mit den Einfuhraufschlägen auf Stahl und Aluminium, die der amerikanische Präsident auch für Hersteller aus Europa schon auf den Weg gebracht hat. Die Börsenentwicklung von BMW, Daimler und Volkswagen spricht für sich – seitdem die Ankündigungen aus Amerika von Mitte Mai an immer lauter werden, sind ihre Aktienkurse tief gefallen.

          Wer die Kursentwicklung zum Maßstab nimmt, könnte nun allerdings zu dem Ergebnis kommen: Wird vielleicht alles doch nicht so schlimm, Trump macht (auch) diese Drohung nicht wahr. An diesem Donnerstag verzeichnen deutsche Autoaktien satte Kursgewinne, angefangen mit BMW (plus 5 Prozent) über Daimler (plus 4 Prozent) bis zu Volkswagen (plus 4 Prozent). Nach einhelliger Auffassung steckt ein Treffen zwischen deutschen Automanagern und dem amerikanischen Botschafter in Berlin, Richard Grenell, dahinter. Der hat ihnen, so heißt es, sozusagen eine Lösung nach dem Motto „Null Prozent auf alles“ vorgeschlagen – wobei sich „alles“ eben auf Autos und Autoteile bezieht. Die Vereinigten Staaten würden von neuen Autozöllen absehen und existierende abschaffen, wenn die Europäer dasselbe tun.

          Natürlich steht es dem Diplomaten, der gewiss kein persönliches Anliegen vorgetragen, sondern eine Botschaft seines Chefs überbracht hat, frei, die Lenker der deutschen Autokonzerne zu treffen. Allerdings kann er ihnen nichts „anbieten“, wie es gelegentlich heißt. Über die Zölle verhandeln Regierungen miteinander und wenn es um die Mitgliedsländer der Europäischen Union geht, dann erledigt das die EU-Kommission in Brüssel; so haben das die europäischen Staaten entschieden, als sie ihren Binnenmarkt und ihre Zollunion etablierten. Kommissionschef Jean-Claude Juncker wird demnächst nach Washington fliegen und mit dem amerikanischen Präsidenten auch über Handelsfragen sprechen.

          „Zeichen für Freihandel“

          Wenn nach dem Gespräch mit dem Botschafter wiederum nun der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche oder BMW-Chef Harald Krüger die Kanzlerin anrufen und ihr sagen, dass sie ein Ende aller Autozölle für eine gute Idee halten, kann das die Verhandlungen beeinflussen. Dasselbe gilt für die nun noch einmal wiederholte Unterstützung eines solchen Ansinnens durch den CDU-Wirtschaftsrat, dessen Generalsekretär Wolfgang Steiger gesagt hat: „Der vollständige Verzicht auf Zölle beim Im- und Export von Autos zwischen den Vereinigten Staaten und Europa würde ein wichtiges Signal für offene Märkte und freien Handel setzen.“ Einerseits.

          Andererseits braucht es solche Stellungnahmen und Anrufe im Kanzleramt überhaupt nicht – die Bundesregierung ist ohnehin schon lange dafür. Zur Erinnerung: Die Verhandlungen über das Freihandels- und Investitionsabkommen TTIP, das viel mehr als Autos umfasste, ist ja nicht an Juncker oder Angela Merkel gescheitert (und auch nicht an Horst Seehofer). Merkel hat das nach ihrem Treffen mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban an diesem Donnerstag noch einmal bekräftigt. Vielmehr hat Donald Trump nach seinem Amtsantritt alle Gespräche auf Eis legen lassen und fast fertige andere Abkommen (TPP) oder bestehende Pakte (Nafta) auf den Prüfstand gestellt.

          Doch will er nun wirklich eine Art „TTIP light“? Die Zweifel bleiben groß. Vielmehr drängt sich ein anderer Eindruck auf: Kann es sein, dass Trump zu viele Konfrontationen gleichzeitig austrägt? Der Handelsstreit mit China – am Freitag treten Milliardenzölle in Kraft – spitzt sich weiter zu während er mit Europa streitet. Die amerikanischen Börsen treten auf der Stelle; wer zu Jahresanfang nicht gerade in ein vielversprechendes Tech-Unternehmen investierte, hat bislang kaum Mehrwert erzielen können (Industrieunternehmen wie Caterpillar oder Banken wie JP Morgan verzeichnen bislang einen Kursverlust). Und außerdem beunruhigt ihn offenkundig zusehends auch der gestiegene Ölpreis, der den Amerikanern das Tanken verteuert, ausgerechnet in der Urlaubssaison und wenige Monate vor wichtigen Wahlen, in denen Trump und seine Republikaner ihre Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses verteidigen wollen. Über Twitter teilte der Präsident am Wochenende erst mit, Saudi-Arabien um eine höhere Ölförderung gebeten zu haben, nun hat er die Förderländerorganisation Opec attackiert, Amerika nicht gegen steigende Benzinpreise zu helfen.

          Fachleute runzeln ob dieser Nachrichten die Stirn und verweisen darauf, dass Trumps Regierung ja selbst in zweifacher Hinsicht zum Preisauftrieb beigetragen habe: indem er eine gut laufende Wirtschaft mittels eines Konjunkturprogramms (Steuerreform) zusätzlich stimulierte und mehr Nachfrage nach Öl schaffte und indem er außerdem mit Iran einen gerade auf den Weltmarkt zurückgekehrten potentiell potenten Öllieferanten wieder zurückdrängt.

          Wenn es um die Autozölle geht, wächst wiederum zusehends auch die Kritik in den Vereinigten Staaten daran. Der amerikanische Hersteller General Motors warnte davor mit der Sorge um Arbeitsplätze. Symbolträchtig ist nach wie vor auch die Ankündigung des Motorradherstellers Harley Davidson, die Produktion infolge der von der EU erlassenen Vergeltungszölle zu verlagern. „Die Länder, die Trump versucht einzuschüchtern, besonders China und die EU, verfügen über enorme Ausgabenkraft und werden von erfahrenen und harten Leuten geführt. Sie sehen jetzt klar, wie sie Trumps Aufmerksamkeit bekommen: Zielt Vergeltungszölle auf Unternehmen, die Trump gepriesen hat“, kommentiert Simon Johnson, ein ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds.

          Gut möglich, dass die amerikanische Regierung eine Vereinbarung über den Autohandel anstrebt – ohne Zölle. Das wünschen sich nicht nur die Lenker der deutschen Autounternehmen. Vielleicht ist es aber auch so, dass Trump eine Beruhigung an einer seiner vielen Fronten haben möchte, zumindest vorübergehend. Stand heute jedenfalls sind Autozölle nicht vom Tisch.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkels Sommerpressekonferenz : Mit müden Augen und wachem Lächeln

          Die Bundeskanzlerin demonstriert in ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz Geschäftsmäßigkeit. Alle Fragen bekommen eine unaufgeregte Antwort. Nur einmal schimmert ein bisschen Stolz auf.
          Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, spricht zum Wahlkampfauftakt seiner Partei vor der Landtagswahl in Sachsen.

          FAZ Plus Artikel: Interview mit Historiker : Ist Björn Höcke ein Nazi?

          Der Rechtsausleger der AfD hat sich viele Formulierungen offenbar von führenden Nationalsozialisten abgeschaut. Gilt das auch für sein Weltbild? Ein Gespräch über Björn Höcke, das Grundgesetz und Adolf Hitler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.