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Handelskonflikt mit Japan : Südkoreas Angst vor dem Fukushima-Wasser

Ein Bild von Japans Ministerpräsident Abe wird während einer Demonstration in Südkorea verbrannt. Bild: dpa

Seoul hat Angst vor atomar verseuchter Nahrung aus Fukushima. Deshalb gibt es für Südkoreas Sportler während der Olympischen Spiele in Tokio möglicherweise eine eigene Kantine. Der Konflikt zwischen den Ländern spitzt sich immer weiter zu.

          Das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi wird neuer Zankapfel im Wirtschaftsstreit zwischen Südkorea und Japan. Das südkoreanische Außenministerium bestellte diese Woche den japanischen Wirtschaftsattaché in Seoul ein, um Bedenken über eine mögliche Entsorgung radioaktiv verseuchten Wassers aus Fukushima Daiichi in den Pazifik zu äußern. Zugleich will die Regierung in Seoul die Kontrollen von Lebensmitteln aus Japan auf radioaktive Strahlung verdoppeln.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Als Zeichen des großen Misstrauens erwägt das südkoreanische Sportministerium ferner, den koreanischen Athleten während der Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Jahr Essen in einer eigenen Kantine zuzubereiten. Das Ministerium will so verhindern, dass die Athleten Nahrungsmittel aus der Region Fukushima erhalten. Seoul untergräbt so den Versuch der japanischen Regierung, mit dem internationalen Sportwettkampf neun Jahre nach dem Tsunami und der dreifachen Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima Daiichi ein Signal für die Erholung der Region Fukushima zu setzen. Einzelne Politiker in Südkorea fordern gar einen Boykott der Olympischen Spiele. In Frage steht auch ein Trainingscamp der koreanischen Sportler in Japan vor den Wettkämpfen.

          Abkommen aufgekündigt

          Die plötzliche Häufung der südkoreanischen Beschwerden über mögliche Strahlenbelastungen aus Fukushima geht einher mit einem im Juli entfachten Handelsstreit zwischen Tokio und Seoul. Am Donnerstag kündigte Südkorea in dem sich verschärfenden diplomatischen Konflikt ein Abkommen mit Japan über den Austausch von militärischen Geheimdienstinformationen auf. Das erschwert die Sicherheitskooperation der beiden Staaten mit den Vereinigten Staaten. Ein Treffen der beiden Außenminister Japans und Südkoreas, Taro Kono und Kang Kyung-wha, am Vortag in Peking hatte zuvor keine Annäherung gebracht.

          Der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks, Tokyo Electric Power Company Holdings (Tepco), hatte Anfang August erklärt, die Speicherkapazität für das radioaktiv belastete Wasser auf dem Kraftwerksgelände werde im Sommer 2022 erschöpft sein. Schon jetzt lagert das Unternehmen mehr als 1 Million Tonnen Wasser in fast 1000 Tankbehältern. Tepco lässt Wasser, das aus den havarierten Reaktoren abgepumpt wird, durch Filteranlagen laufen, um radioaktive Partikel auszufiltern. Es bleibt eine vergleichsweise geringe Restbelastung mit Tritium.

          Angst vor Fukushima-Wasser

          Eine Regierungskommission und auch internationale Fachleute erwägen als eine Option, dieses Wasser über lange Zeit kontrolliert und verdünnt in den Pazifik einzuleiten, so wie es in anderen Kraftwerken auf der Welt üblich ist. Das trifft auf Widerstand der lokalen Fischer und Organisationen wie Greenpeace. Andere Optionen sind unter anderem die Verdunstung des Wassers oder eine jahrelange weitere Lagerung. Über den Umgang mit dem Wasser hat die japanische Regierung noch nicht entschieden.

          Die Angst vor dem Fukushima-Wasser trifft sich in Südkorea mit der Angst vor möglicherweise verstrahlten Lebensmitteln aus der Präfektur Fukushima. Südkorea hatte im Frühjahr vor der Welthandelsorganisation gegen Japan Recht bekommen und darf die Einfuhr von 28 Fischarten, die in Fukushima und sieben anderen Präfekturen gefangen wurden, weiter verbieten. Die Regierung in Tokio ist darüber verbittert, weil sie Lebensmittel aus Fukushima strengen Kontrollen unterwirft und argumentiert, dass die Produkte Strahlenwerte weit unterhalb international geltender Grenzwerte einhalten. Viele andere Länder haben derweil in den vergangenen Jahren ihre Einfuhrverbote gelockert oder gestrichen.

          Der Handelskonflikt zwischen den beiden Staaten eskalierte im Juli. Japan hatte wegen Bedenken über die Qualität der südkoreanischen Zollkontrollen seine Exportkontrollen für auch militärisch relevante Güter gegenüber Südkorea verschärft. Südkoreas Regierung reagierte empört und vermutet einen Versuch Tokios, durch die erschwerte Zulieferung von Vorprodukten der koreanischen Display- und Halbleiterindustrie zu schaden. Seoul reagierte mit spiegelbildlichen Gegenmaßnahmen und in Südkorea gibt es Boykottaufrufe gegen japanische Waren.

          Hinter dem Handelsstreit steht ein emotional gefärbter Konflikt zwischen den Regierungen darüber, ob japanische Unternehmen noch Entschädigung für frühere koreanische Zwangsarbeiter leisten müssen. Das hatte das Höchste Gericht in Südkorea entschieden. Die Regierung in Tokio steht auf dem Standpunkt, dass solche Ansprüche schon 1965 mit dem Grundsatzvertrag zwischen beiden Staaten und damaligen Zahlungen abgegolten wurden.

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