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Handel / Handwerk : Nur noch Krümel für die Bäcker

Brötchen für 9 Cent. Brot für 99 Cent. Und im Kilo noch billiger. Da kann das Handwerk nicht mehr mithalten. Billlig-Bäcker mischen den Markt auf.

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          Gerhard Bosselmann kann nicht backen. Und er findet das gut. "Deshalb denke ich wie ein Kunde." Der Unternehmer betreibt in Hannovers Innenstadt Deutschlands größte Discount-Bäckerei. Für das schlichte Brötchen verlangt der promovierte Ökonom 13 Cent. 3000 bis 4000 Kunden lockt er so täglich in sein "Backhouse" am Kröpcke.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Bäckermeister der Konkurrenz kochen. "Eine Schande für das Bäckerhandwerk", wütet Wettbewerber Frank Ekkenga. Bosselmann würde halbfertige Teigwaren sogar aus Polen kaufen und in seinen Billigläden zu Ende backen, verdächtigen ihn die Meister. "Stimmt", sagt Bosselmann. "Porsche läßt Teile des Cayenne in Polen bauen. Und was für Porsche gut ist, kann für Bosselmann nicht schlecht sein." Seinen Widersachern attestiert der langjährige Fielmann-Manager Neid darüber, daß sie nicht selbst draufgekommen sind."

          Der Kunde bedient sich selbst

          Bosselmanns Konzept wirkt so originell nicht, 75 Jahre nach der Eröffnung des ersten Supermarktes: Der Kunde bedient sich selbst. Er nimmt am Eingang ein Plastiktablett, und läuft ein Plexiglasregal entlang, aus dessen mit Klappen verschlossenen Fächer er mit Zange Brötchen, Brot und Plunder fischt. Dann zahlt er und tütet das Backwerk selbst ein. Brot und Brötchen sind frisch und billig. Und diese Kombination ist tödlich.
          Mit neun Cent je Weck und 99 Cent je Kilo Mischbrot attackierte zum Beispiel Discountbäcker Brödis im westfälischen Hagen die alteingesessenen Bäckereien. Die Konkurrenten lieferten sich eine Preisschlacht, die unter dem Titel "Brötchenkrieg von Hagen" ein eigenes Kapitel in einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung BBE gefunden hat.

          Jagdszenen spielen sich inzwischen überall dort ab, wo die Billigbäcker auftauchen. Vor knapp zwei Jahren begannen die ersten Discountbäcker, inzwischen gibt es 250 bis 300 in der Republik. Das ist noch wenig gemessen an der Zahl der Bäckereien (17800). Doch es werden schnell mehr

          Zum Marktführer hat sich in aller Stille die Hamburger Back-Factory gemausert. Ein langjähriger Aldi-Prokurist treibt die Expansion der Tochtergesellschaft einer Hamburger Großbäckerei rasant voran: 40 bis 50 Filialen in diesem Jahr, 80 im nächsten Jahr ist der ambitionierte Plan der Hanseaten.

          Expansion mit Franchise-Partnern

          Die zwei ehemaligen Roland- Berger-Berater Hans Christian Limmer und Dirk Schneider haben den Vorreiter der Dicount-Bäckereien "Backwerk" übernommen und treiben nun die Expansion munter mit Franchise-Partnern voran. Europas größtes Bäckereinunternehmen, die Barilla-Tochter Kamps, testet ein Billigkonzept, ebenso die Wiener Feinbäckerei Heberer. Schließlich haben Handwerksmeister zusammen einige Billigladen-Systeme begonnen, um das Feld nicht kampflos zu räumen.

          Um 30 bis 50 Prozent billiger sind die Discount-Bäcker. In Kampfzeiten sind die Preisabstände zum Backwerk der Handwerksbetriebe noch höher. "Dort, wo Discounter auftauchen, kann der Traditionsbetrieb bis zu 50 Prozent seines Umsatzes verlieren", sagt Eberhard Gröbel, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks.

          Keine Chance für den Handwerker

          Eine Preisschlacht aber können die Handwerksbetriebe nicht gewinnen. Allein die Personalkosten schlagen bei den klassischen Betrieben mit 40 Prozent der Gesamtkosten zu Buche, bei der Billigkonkurrenz sind es höchstens 20 Prozent. Die Billig-Betriebe kaufen industriell gefertigte tiefgekühlte Vorprodukte ein und backen sie in ihren Läden fertig. So sind die Waren frisch. Und der Kunde merkt den Unterschied zum Backwerk ehrlicher Handwerksmeister immer weniger.

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