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Kommentar : Die wahre Gefahr im Internet

Hacker sind in Spielekonsolen aktiv, in Atomkraftwerken und im Kanzleramt. Doch das sind nicht die größten Sorgen, die sich die Deutschen machen müssen.

          Was ist da alles los im Internet: Kriminelle verschaffen sich Zugang zu Handbüchern und Personaldaten südkoreanischer Atomkraftwerke. Die Spiele-Netze von Xbox und Playstation liegen an Weihnachten lahm, weil Hacker sie sabotiert haben. Und im deutschen Kanzleramt entdeckt der Virenscanner Spionagesoftware auf dem USB-Stick einer Kanzler-Referentin. Da kann man sich sehr schnell sehr unsicher fühlen.

          Wer das noch nicht gruselig genug findet, der guckt vielleicht nach Hamburg. Dort treffen sich zwischen den Jahren die Hacker vom Chaos-Computer-Club und führen vor, wie sie aus einem Foto der Verteidigungsministerin ihren Fingerabdruck nachbilden können, um Fingerabdruck-Scanner zu täuschen.

          Und was tun die Deutschen? Sie resignieren. Rund 60 Prozent der Deutschen haben zwar ein „ungutes Gefühl“, was ihre Daten im Internet angeht - aber die Gruppe ist trotz aller Horrormeldungen in den vergangenen zwei Jahren nicht etwa gewachsen, sondern sogar ein bisschen geschrumpft. Die meisten werden denken: Ich kann ja doch nichts tun. Und sie tun selbst wenig. Als im Frühjahr halb Deutschland über die Datensammelwut des Kurznachrichten-Dienstes WhatsApp diskutierte, stiegen nur wenige auf den verschlüsselten Konkurrenten Threema um. Das Wachstum von WhatsApp jedenfalls blieb ungebrochen.

          Doch Resignation ist der falsche Weg.

          Richtig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren. Spione im Kanzleramt und in Atomkraftwerken - das gab es auch schon in der analogen Welt. Heute werden Fingerabdrücke geklaut, früher wurden Schlüssel nachgemacht. Heute werden Mails mitgelesen, früher wurden Telefonate mitgeschnitten. Heute legen übermütige Teenager das Spielenetzwerk von Sony und Microsoft lahm, früher legten übermütige Teenager die Bahn lahm, indem sie Stahlplatten auf die Gleise legten.

          Noch vor fünf Jahren musste Großbritanniens oberster Terrorfahnder Bob Quick zurücktreten, nachdem er geheime Dokumente unverhüllt unter dem Arm getragen hatte, so dass die Presse sie abfotografieren konnte.

          Keine Frage: Spionage und Kriminalität müssen bekämpft werden. Aber der Beweis steht aus, dass Computer-Kriminalität einen größeren Schaden verursacht als die alte Offline-Kriminalität. Im Online-Banking zum Beispiel sind die Schäden durch Kriminalität so klein, dass erste Banken die Verluste komplett übernehmen, um den Kunden Mut zum Online-Banking zu machen - das ist für sie billiger, als die Kunden in den Filialen zu betreuen.

          Deshalb führt die Diskussion um die Hacker in die Irre. Sprechen müssten wir über die vollkommen legalen Datensammlungen. Krankengeschichten, Telefonverbindungen, Reise-Vorlieben: Darin stecken die wahren Gefahren des Internet, aber auch die wahren Verheißungen. Werden Krankengeschichten genutzt, damit Krankenversicherer ihre Kunden aussieben können? Wird da ein lohnendes Ziel für Kriminelle erst geschaffen? Oder werden die Krankengeschichten dazu genutzt, Krankheiten zu bekämpfen?

          Wie man die guten Seiten der Datenverarbeitung bekommt und gleichzeitig die schlechten vermeidet - das ist die wahre Frage dieser Jahre.

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          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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