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Gute Umfragewerte : Merkels Mirakel

Angela Merkel auf dem Titel des Magazins Time Bild: Time

Während die Krise in anderen europäischen Ländern Regierungen zu Fall gebracht hat, halten sich die Deutschen in schwierigen Situationen lieber ans Bewährte. Die Mehrheit ist mit Angela Merkels Arbeit zufrieden. Die unübersichtliche Lage ist ihr bester Trumpf.

          Was ist nur mit den Amerikanern los? Monatelang haben sie die deutsche Kanzlerin beschimpft und bedrängt, von den Journalisten und Ökonomen bis hin zum Präsidenten. Angela Merkels Politik galt jenseits des Atlantiks als das entscheidende Hindernis bei der Lösung der Euro-Krise. Es machte die Sache nicht besser, dass sie sich mit Belehrungen revanchierte. Die Politik des lockeren Geldes, sprich: der amerikanische Immobilienboom, habe die Turbulenzen auf den Finanzmärkten überhaupt erst ausgelöst.

          Auf einmal soll alles anders sein, ausgerechnet in einer Woche, die für Merkel nach dem EU-Gipfel eher schwierig war. „Warum jeder Angela Merkel gerne hasst und warum jeder falsch liegt“, titelt das Magazin Time. Es ist nicht die - tatsächliche oder vermeintliche - Brüssler Nachgiebigkeit der Kanzlerin, die das Blatt nun lobt. Nein, es ist eine Eloge auf ihre ganze Politik. „Sie hat gute Gründe für ihren Widerstand gegen große Pläne und die Akzeptanz der kleinen Schritte“, schreibt das Blatt.

          Aber auch in den deutschen Meinungsumfragen ist von einer Delle für die Kanzlerin nichts zu spüren. Nach den Daten des ARD-Deutschlandtrends, die in dieser Woche erhoben wurden, sind 66 Prozent der Deutschen mit Merkels politischer Arbeit zufrieden - so viele wie seit der Bundestagswahl vor drei Jahren nicht mehr. Auch 60 Prozent der Grünen-Wähler und immerhin noch 50 Prozent der SPD-Wähler finden Merkels Krisenkurs gut.

          Das liegt auch daran, dass die Haltung der Deutschen zu Europa ambivalent ist. Nicht, dass es eine scharfe Spaltung in zwei widerstreitende Lager gäbe; die Ergebnisse der Umfrage legen eher den Schluss nahe, dass viele der Befragten selbst hin- und hergerissen sind. So gaben insgesamt 54 Prozent von ihnen an, sie könnten sich eine gemeinsame Haftung für die Schulden aller Eurostaaten vorstellen - vier Fünftel dieser Befürworter knüpfen das aber an klare Regeln. Eigentlich gehe das nur mit mehr Kompetenzen für Europa. Käme es jedoch zu einer Volksabstimmung über diese Frage, wäre wiederum die Mehrheit der Befragten dagegen.

          Wo „richtig“ und „falsch“ keine Kategorien mehr sind, öffnen sich politische Spielräume

          Immer wieder sah es danach aus, als könnten Merkel in dem komplexen Spiel die Fäden entgleiten. Zu Hause ein wankelmütiges Volk, eine erodierende Koalition und eine nach Prestigegewinn strebende Opposition, in den europäischen Hauptstädten auftrumpfende Kollegen und in Washington ein drängender Präsident: Wie sollte sich eine Regierungschefin mit noch so viel Erfahrung in diesem unwegsamen Gelände auf Dauer behaupten können? Der Verlauf des jüngsten Gipfels erweckte den Eindruck, als habe Merkel die Kontrolle darüber verloren. Das ist für sie viel gefährlicher als die konkreten Beschlüsse und deren Auslegung.

          Dabei war eine unübersichtliche Lage stets Merkels größter Trumpf. Noch besser ist es, wenn sich namhafte Experten über den Krisenkurs zerstreiten. Wo „richtig“ und „falsch“ keine Kategorien mehr sind, öffnen sich politische Spielräume. Das spürt vor allem die deutsche Opposition, die sich nach ihrem scheinbaren Brüsseler Erfolg prompt dem Vorwurf ausgesetzt sah, deutsche Interessen zu verraten.

          Während die Krise in anderen europäischen Ländern von den Niederlanden bis Griechenland Regierungen zu Fall gebracht hat, halten sich die Deutschen in schwierigen Situationen lieber ans Bewährte. Kein Wahlslogan war hierzulande erfolgreicher als Adenauers Parole „Keine Experimente!“. Das liegt nicht nur daran, dass es dem Land derzeit recht gut geht, sondern auch am tiefer liegenden Bedürfnis nach Sicherheit. Alles auf eine Karte zu setzen, also entweder durch die Verweigerung von Hilfen den Zusammenbruch des Euro zu riskieren oder aber durch unkontrollierte Eurobonds die eigene Solvenz aufs Spiel zu setzen, ist ihre Sache nicht. Dafür sind die Deutschen dann doch zu merkelig.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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