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Grünbuch des Agrarministers : Dritte Stunde: Ernährung

Die Ernährungsbildung in Deutschland muss neu gedacht werden, wenn es nach Agrarminister Schmidt geht. Bild: dpa

Lange wurde über Agrarminister Schmidt gesagt, er wisse nicht, was er eigentlich wolle. Jetzt hat er einen Plan vorgestellt: Mit Lehrern, Tierwohl - und Start-Ups.

          Immer deutlicher sagt die Union, dass Ernährungsbildung zum Fach an staatlichen Schulen werden soll. Zuletzt gab es entsprechende Forderungen aus Landesverbänden der CDU wie aus Westfalen und Niedersachsen, und seit Freitag steht das auch in einem lange erwarteten Papier, das Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) in Berlin vorgestellt hat. „Wir müssen die Ernährungsbildung in Deutschland neu denken“, steht in dem sogenannten Grünbuch, dass Wege in die Landwirtschaft des Jahres 2030 aufzeigen soll. „Die Ernährungsbildung – perspektivisch mit einem Schulfach Ernährung – soll deshalb fest im deutschen Bildungssystem verankert werden“, heißt es da.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Beobachter hatten über Schmidt als Agrarminister gesagt, er wisse nicht, was er mit Landwirtschaft anfangen solle. Er wirke so, als habe er keinen rechten Bezug zu den Themen, wirke wie ein Getriebener der Grünen, die eine Agrarwende hin zum Ökolandbau wollen. Das Ministerium sagte dann: Bald werde Schmidt sein Grünbuch vorlegen. Nun ist es da.

          Und die Richtung ist klar: Hinsichtlich der Ziele gibt es Ähnlichkeiten zu den Grünen – eine breitere Auffassung von Landwirtschaft, vom Essen als Kulturgut, von Bewahrerin der Kulturlandschaft, mehr Ökolandwirtschaft. Der Weg dahin soll aber ein anderer sein. Nicht durch Verbote, sondern bessere Aufklärung der Verbraucher sollen diese ein Bewusstsein für die Qualität von Lebensmitteln erhalten, scheint Schmidt zu hoffen.

          Die Grünen sehen keinen großen Wurf

          Das Papier enthält die Ankündigung eines staatlichen Tierwohllabels. Das soll künftig auf Lebensmittelverpackungen stehen. Ein bestehendes vom Deutschen Tierschutzbund und Schlachtunternehmen PHW (Wiesenhof) und Vion hatte sich in der Vergangenheit nur langsam verbreitet, weil diese Fleischprodukte Verbrauchern offenbar zu teuer waren.

          Nun soll es der Staat versuchen: künftig soll es eine Kennzeichnung auf Fleischprodukten geben, mit der Fleisch aus tiergerechteren Mastanlagen in mehreren Stufen positiv kennzeichnen wird. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder lobte Schmidts Vorhaben, äußerte aber den Verdacht, es handle sich um eine „Redevorlage für den anstehenden Wahlkampf“. Es verwundere ihn, dass der Minister seinen Fahrplan erst nach mehr als dreijähriger Amtszeit vorlege.

          Auch das Amt eines „nationalen Tierwohlbeauftragten“ will Schmidt schaffen: „Deutschland wird Vorreiter beim Tierwohl.“ Die Grünen blieben skeptisch. Das Grünbuch sei eine „Papierflut“, kein „großer Wurf“, sagte der agrarpolitische Fraktionssprecher Friedrich Ostendorff.

          Ein Ministerium für „ländlichen Raum“

          Offenbar stellt sich die Union eine zweigleisige Landwirtschaft vor. Das Papier betont die Notwendigkeit von moderner Zuchttechnik und Ertragssteigerungen einerseits, weil die Bevölkerung auf der Welt wachse und Agrarexporte somit auch „friedenssichernd“ sein. Andererseits wird im Grünbuch betont, welcher Verlust von Artenvielfalt, aber auch landwirtschaftlicher Kultur schon zu beklagen sei. Es enthält daher etwa die Ankündigungen, Start-Ups im ländlichen Raum zu fördern, die „handwerkliche“ Nahrungsmittel erzeugten. Der finanzielle „Stadt-Land-Gegensatz“ müsse „aufgelöst werden“, heißt es, das „ernährungsbezogene Handwerk“ könne wesentlich beitragen.

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