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Großprojekt : Warum wird Stuttgart 21 so viel teurer?

Polizeiautos stehen Anfang September vor dem Abrissgelände des Nordflügels Bild: dpa

Immer wenn der Staat baut, geraten die Kosten außer Kontrolle. Das ist in Stuttgart so und im Rest der Welt. Dem Wähler werden die Kostenauswüchse scheibchenweise präsentiert.

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          Das sieht man selten: Walter Sittler klappt die Kinnlade runter! Vergangenen Montag bei "Beckmann": Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 streiten. Schon wieder. Doch dann die Nebelbombe: "Zum Vorwurf, bei dem Megaprojekt gebe es exorbitante Kostensteigerungen, will ich hier entschieden entgegentreten", schleudert Bahnvorstand Volker Kefer der Runde entgegen. Was war das? Hatte die Bahn nicht im vergangenen Dezember nach einer Aufsichtsratssitzung über Nacht mit der Nachricht geschockt, der Bau von Bahnhof und Strecke werde nun doch eine Milliarde Euro teurer als gedacht? Dass es teurer werden könne, habe man immer einkalkuliert und einen Risikofonds gebildet, schwor Kefer. Aus diesem Fonds werde nun die Milliarde entnommen. "Also kann man nicht sagen, das Projekt explodiert kostenmäßig."

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das Hauptargument der Stuttgart-21-Gegner - alles nur Geschwätz? Das hat am Montag sogar Werner Rothengatter daheim in Karlsruhe fast vom Sofa gehauen. Dabei ist der Wirtschaftswissenschaftler keiner, der sich im Stuttgarter Schlossgarten an Bäume kettet. In einem Gutachten attestierte der Experte, der sich seit 30 Jahren mit öffentlichen Investitionen beschäftigt, der baden-württembergischen Landesregierung mit Stuttgart 21 "ein Leuchtturmprojekt, das ein ungewöhnliches finanzielles Engagement des Landes rechtfertigt". Den Auftritt des Bahnvorstands bei Beckmann fand Rothengatter allerdings "sehr unglücklich".

          „Unangemessene Geheimhaltung“

          Natürlich werde Stuttgart 21 teurer als immer verkündet, wie eben alle politischen Infrastrukturprojekte dieser Größe und mit dieser langen Vorlaufzeit von 17 Jahren, bei denen dem Wähler die Kostenauswüchse scheibchenweise präsentiert werden. "Intern mag die Bahn Risiken eingeplant haben." Öffentlich sei jedoch bis zuletzt der Eindruck erweckt worden, der Bau koste nicht mehr. "Die Kostensteigerung hätte man viel früher kommunizieren müssen. Das war eine unangemessene Geheimhaltung. Da wurde vieles unterm Tisch geregelt, was nun zu Recht kritisiert wird."

          Ein Bagger reißt am 26. August den Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs ein

          Wenn der Staat baut, wird es immer teurer. Im Schnitt kommen bei jedem öffentlichen Projekt rund um den Erdball am Ende fünfzig Prozent auf die anfangs genannten Kosten drauf, hat Rothengatter gemeinsam mit Kollegen aus England und Schweden nachgerechnet. Bei der Hälfte aller Projekte steigen die Kosten sogar in einer Spanne bis zu 200 Prozent. Beim veranschlagten Nutzen der Bahnhöfe, Flughäfen und Opernhäuser hingegen darf man getrost 30 Prozent abziehen.

          Überall auf der Welt sei es dasselbe: In der für die späteren Baukosten alles entscheidenden Planungsphase werden in den Ministerien und Behörden willkürlich Zahlenwerke zurechtgebogen und Risiken vertuscht, auf dass der politische Wille geschehe. In Deutschland kommt noch eine Besonderheit hinzu, hat Rothengatter festgestellt: "Hier wird die Kalkulation noch nicht mal im Nachhinein überprüft."

          Wenn es jetzt also wieder von den Stammtischen wettert, warum die Kosten in Stuttgart für den Bahnhof, in Hamburg für die Elbphilharmonie, in Köln für die U-Bahn und bei Zehntausenden kommunalen Bauvorhaben quer durch die Republik, die im Jahr ein Volumen von 44 Milliarden Euro erreichen, wieder mal explodieren, bestätigt sich das Klischee selbst: Das Dauerdebakel um öffentliche Bauprojekte hat System.

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