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Öffnungszeiten im Einzelhandel : Schützt den Sonntag!

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Sonntagsarbeit für die Erholung anderer?

Nun könnte man sagen: Ist ja nicht schlimm. Das kurbelt doch die Wirtschaftsleistung und die Erholung der Bevölkerung an. Das Gegenteil ist aber der Fall, haben inzwischen mehrere Studien festgestellt: von dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Institut der Wirtschaftsprüfer, der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, aber auch von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAuA).

Sie warnen, dass Wochenendarbeit negative Effekte auf die Gesundheit und auf die Leistung der Beschäftigten hat. Mitarbeiter, die an Wochenenden arbeiten müssen, fühlen sich demnach häufiger gehetzt und leiden häufiger unter gesundheitlichen Problemen wie Erschöpfungszuständen, psychischen Beschwerden oder Muskel-Skelett-Erkrankungen, belegte die BAuA. Und das DIW ergänzt: Vor allem Sonntagsarbeiter sagen, dass sie unzufriedener seien mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrem Schlaf und ihrer Familie.

Arbeiten am Wochenende ist unbeliebt

Wenn sie es sich aussuchen könnten, so ermittelte die Hans-Böckler-Stiftung, dann würden zwei Drittel der atypischen Arbeiter, also der Sonntagsarbeiter, ihre Arbeit lieber reduzieren oder ganz aufgeben, als ausgerechnet am Sonntag Dienst zu schieben. Und das trotz der Lohnzuschläge, die ihnen diese Arbeit einbringt.

Tatsächlich ändert sich das Freizeitverhalten von Menschen, die sonntags arbeiten, wie das DIW herausfand: Sie verbringen deutlich weniger Zeit in Gemeinschaft, unter Familie und Freunden, unternehmen weniger Ausflüge, Kurzurlaube, Kino- oder Konzertbesuche. Sie empfinden ihre Freizeit – die dann an einem Wochentag stattfindet – auch als weniger erholsam und befriedigend. Woran das liegt? Hauptsächlich daran, dass sie sich entsynchronisiert haben von all jenen, die im Gegensatz zu ihnen am Sonntag frei haben: ihren Partnern, Kindern und Freunden.

So würde das Aufweichen des Sonntags in erster Linie dazu führen, dass viele eben nicht mehr einen Tag lang gemeinsam abschalten, sondern dass jeder künftig in seinem eigenen Rhythmus einfach weitermacht, weiter schafft, weitertelefoniert oder weiter putzt. Vor allem die Sonntagsarbeiter, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, an einem arbeitsfreien Wochentag nichts zu tun, während alle anderen beschäftigt sind. Der kuriose Effekt wäre: Wenn man sonntags alles machen kann, was man will – machen viele Leute genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich mögen.

Oder, um es mit den Worten des Soziologen Hartmut Rosa auszudrücken: Im Grunde wird unser Konsum mit der Sonntagsöffnung noch absurder. Wir haben dann zwar immer mehr Zeit, Dinge zu beschaffen – aber noch weniger Zeit, um sie auch wirklich zu konsumieren. Für den Frühstücksbrunch am Mittag, das Zeitunglesen auf dem Balkon oder das Ausführen der neuen Wanderschuhe braucht man Zeit und Zeitgenossen, die auch grade Muße haben.

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