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Öffnungszeiten im Einzelhandel : Schützt den Sonntag!

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Verbände von Innenstadthändlern mahnten bereits: Die Kosten der Sonntagsöffnung seien sogar höher als die Umsätze. Wenn überhaupt, würden höchstens große Warenhäuser dadurch ihre Verkäufe steigern (weswegen sie ja auch Anführer der Initiative sind). Den kleineren Geschäften brächte der Sonntag aber nichts. Darum befördere die Sonntagsöffnung höchstens eines: Eine noch größere Konzentration des Handels auf größere Ketten und den Strukturwandel in den Innenstädten.

Bevormundung gegen Sonntagsschicht

Nun empfinden es dennoch einige Kunden als Bevormundung, wenn ihnen sonntags die Türen verschlossen bleiben. Und sie maulen, dass sie zwar am siebten Tag der Woche mit der Familie ins Freibad gehen dürfen, in den Zoo, zum Bäcker oder zum Essen, doch zum Einkaufen dürfen sie nicht. Man darf aber auch mal zurückfragen: Wer ist es überhaupt, der so auf den Sonntagseinkauf pocht? Es sind dieselben, die es begrüßen, dass in einigen Städten die Supermärkte nun bis 22 Uhr geöffnet haben. Die selbstbestimmten Spätarbeiter, die um neun mit ihren Rollkoffern aus dem Büro hetzen, um im Tengelmann noch eben zum Abendbrot eine Tüte Saft und eine Sushibox zu kaufen. Wofür dann die Kassiererin dort ebenfalls eine Runde Spätschicht schiebt.

Das klingt gemein, oder? Es ist bezeichnend, dass es vor allem die Besserverdiener mit geregelten – oder zumindest selbst gewählten – Arbeitszeiten sind und die ganz Jungen, die, absolut gesehen, die größten Verfechter der allgemeinen Ladenöffnung sind, sagen Meinungsforscher. Es sind diejenigen, die am Sonntag ihre Freizeit voll genießen wollen. Die Konsumbürger, so nennen Kritiker sie, die ganz selbstverständlich erwarten, dass es auf der anderen Seite die Arbeitsbürger gibt, die sie bedienen. Die Geringverdiener dagegen befürworten den Shopping-Sonntag ebenso wenig wie diejenigen, die bereits Sonntagsarbeiter sind. Letztere lehnen ihn nicht ab, weil sie am Sonntag selber kaum Zeit zum Shoppen hätten. Sondern sie tun es, weil sie wissen, was Sonntagsarbeit bedeutet.

Arbeit am Wochenende nimmt zu

Diesen Zusammenhang haben nämlich die wenigsten Freizeitshopper auf dem Zettel: Wenn der Sonntagseinkauf zur Norm erhoben wird, dann wird es die Sonntagsarbeit früher oder später auch, wenn man es konsequent weiterdenkt. Die Frage ist: Wollen wir das? Ohnehin greift das Arbeiten am Wochenende immer weiter um sich. Fast jeder zweite Deutsche arbeitet zumindest gelegentlich am Samstag, jeder Vierte auch am Sonntag. Das gilt vor allem für Handel, Gastronomie, Landwirtschaft und Verkehr. Um fast 50 Prozent hat sich die Zahl der Sonntagsarbeiter allein seit 1995 erhöht. Damit belegt Deutschland europaweit einen der Spitzenplätze.

Zum Teil liegt das daran, dass sich unser Arbeitsaufkommen insgesamt verringert hat, wenn man die Jahresarbeitsstunden seit 1950 betrachtet, sagen Ökonomen. Wir haben unsere Arbeitszeiten verkürzt – auch durch Teilzeit – und die Urlaubszeiten verlängert. Das hat den Faktor Arbeit teurer gemacht, weswegen Betriebe ihre Maschinen stärker auslasten müssen und mit Schichtbetrieb die Sonntagsarbeit noch forcieren. Und wer gerade nicht arbeitet, der konsumiert in der Zeit und fragt die Leistungen der Freizeitbranche nach. Auch das heizt die Sonntagsarbeit in Spaßbädern und Klettergärten, Sportstudios und Tourismusbetrieben an.

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