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Öffnungszeiten im Einzelhandel : Schützt den Sonntag!

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Dem stationären Handel nützt das nichts. Man darf schon bezweifeln, ob ein verkaufsoffener Sonntag die Welt und den deutschen Einzelhandel wirklich rettet. Karstadt-Filialleiter wollen die Enttäuschung in den Augen der vielen Touristen erkennen, die in Weltstädte wie Berlin oder München reisen und dann dort vor verschlossenen Warenhaustüren stehen. Als gäbe es in anderen Ländern keine einkaufsfreien Sonn- und Feiertage, an die selbst Touristen daher gewöhnt wären.

73 Prozent der Deutschen gegen offene Sonntage

Dürften die Geschäfte am Sonntag öffnen, so argumentieren die Befürworter der Initiative, würden die Kunden mehr konsumieren und die Umsätze würden steigen. Aber stimmt das überhaupt? Gerade wenn man vom mündigen Bürger spricht, darf man davon ausgehen, dass er weiß, welches Budget er monatlich zur Verfügung hat. Und dass er nicht plötzlich mehr ausgibt, nur weil er sonntags einkaufen kann. Er konsumiert dann nur an einem anderen Tag und einem anderen Ort als zuvor.

Aber doch nicht wirklich mehr. Und kauft er tatsächlich weniger im Internet ein, weil er sich lieber an einem weiteren Tag durch den Verkehr wälzt in die Innenstädte, um sich dort in die Schlangen vor Kassen und Umkleidekabinen einzureihen? Man kann das bezweifeln. Oder einfach die Leute dazu befragen, so haben es die Meinungsforscher von Infratest vor einer Weile getan: Demnach waren 25 Prozent der Bundesbürger für eine Öffnung der Geschäfte am Sonntag. 73 Prozent waren dagegen.

Überlaufene Shopping-Events am Sonntag

Aber belegen nicht die Erfahrungen mit Volksfesten und verkaufsoffenen Sonntagen etwas ganz anderes? Wann immer Städte Jubiläen oder Märkte feiern und die Geschäfte an solchen Tagen geöffnet haben dürfen, quellen doch die Fußgängerzonen über vor Kundschaft und Besuchern? Ja, weil es einmalige Veranstaltungen sind, sagen die Meinungsforscher. Häufiger als viermal im Jahr dürfen solche Shopping-Events laut Gesetz in den meisten Bundesländern auch gar nicht stattfinden.

Diese restriktive Haltung bestätigte erst vor wenigen Tagen noch einmal final das Bundesverwaltungsgericht. Sobald die verkaufsoffenen Sonntage aber zur Gewohnheit werden, ebbt die Einkaufslust von alleine ab. Um das zu belegen, muss man nur die Deutschen fragen, wie oft sie solche offenen Sonntage tatsächlich besuchen: Nur fünf Prozent sagen, dass sie es regelmäßig tun. Fast 40 Prozent dagegen nutzen sie nie, der Rest nur hin und wieder. Als Plädoyer für die wöchentliche Daueröffnung ist das also kaum zu gebrauchen.

Personalkosten fressen Mehreinnahmen

Zudem ergaben Erhebungen und Gutachten, dass erweiterte Ladenöffnungszeiten nicht etwa den Gesamtumsatz erhöhen. Eine Studie der Credit Suisse für die Schweiz stellte sogar fest: Längere Einkaufszeiten steigerten bloß die Betriebskosten, weil die Geschäftsinhaber zusätzliches Personal, Energie- und Beleuchtungskosten hätten. Das fräße eventuelle Mehreinnahmen gleich wieder auf.

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