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Bahnhersteller : Großbürgschaft für Bombardier

Mitarbeiter im Bombardier-Werk in Bautzen Bild: dpa

Bund und Länder wollen insgesamt 750 Millionen Euro bereitstellen, um Kundenanzahlungen abzusichern. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn Bombardier Transportation hat einen einschlägigen Ruf.

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          Der Schienenfahrzeug-Hersteller Bombardier Transportation kann mit staatlichen Bürgschaften über 750 Millionen Euro rechnen. Für die Hälfte des Geldes bürgt nach Informationen der F.A.Z. der Bund, für die andere Hälfte stehen jene Bundesländer ein, in denen sich Standorte des Unternehmens befinden. Die Bürgschaften stehen im Zusammenhang mit Kundenanzahlungen, die über eine Avallinie abgesichert werden sollen.

          Kerstin Schwenn
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Diese wird von einem Konsortium aus Commerzbank, Deutscher Bank und KfW gewährt – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass es Bürgschaften der öffentlichen Hand gibt. Die deutsche Bombardier-Gesellschaft ist zwar Teil eines konzernweiten Cash-Pooling-Systems und könnte so theoretisch auf internationale Kreditlinien zurückgreifen; allerdings gibt es offenbar keine Reserven. Vielmehr versucht Bombardier wegen des hohen Bedarfs international Avallinien über 2,7 Milliarden Euro abzusichern. Bundeswirtschaftsministerium und -finanzministerium wollten die Informationen weder bestätigen noch dementieren.

          Dass Kundenanzahlungen abgesichert werden sollen, ist nachvollziehbar. Bombardier Transportation hat einen einschlägigen Ruf: Immer wieder gibt es Ärger mit der Deutschen Bahn oder anderen Bahnbetreibern, weil Züge mit Verspätung oder Mängeln geliefert werden. Trotz voller Auftragsbücher verzeichnete der Bahnhersteller immer wieder Verluste, die im Dauerstreit mit Belegschaft und Gewerkschaften Einschnitte an den Standorten erzwangen. Für 2019 dürfte bei der Bombardier Transportation Deutschland bei einem Umsatz von 2 Milliarden Euro ein Verlust in dreistelliger Millionenhöhe angefallen sein.

          Genehmigung der Übernahme steht noch aus

          Am Mittwoch schon kam vom deutschen Bombardier-Chef Michael Fohrer – seit 2016 auf diesem Posten und zuletzt auch Präsident des Verbandes der Deutschen Bahnindustrie – die Nachricht, er habe das Unternehmen am selben Tag auf eigenen Wunsch verlassen. Als kommissarischer Nachfolger rückt Marco Michel auf den Posten, der bisher das Werk in Hennigsdorf leitete. Nach Sanierungsplänen 2015 und 2018 hatte Fohrer noch Wochen vor seinem Abgang abermals ein Sparprogramm vorgelegt. Die Personalkosten sollen um einen dreistelligen Millionenbetrag sinken – ohne tiefe Einschnitte bei den Zeitarbeitern, bei den Löhnen und der Arbeitszeit ist das kaum zu schaffen.

          Aktuell will der französische Alstom-Konzern die Zugsparte von Bombardier übernehmen. Die Genehmigung der EU-Kommission steht noch aus, wurde zunächst für Mitte Juli erwartet. Die Wettbewerbsbehörde hat jetzt nach Zugeständnissen von Alstom die Prüfungsfrist bis Ende Juli verlängert. Ein ähnlicher Vorstoß für eine Fusion von Alstom mit der Zugsparte von Siemens war vor gut einem Jahr am Veto der EU-Kommission gescheitert.

          Um Bedenken auszuräumen, hatten Alstom und Bombardier vor wenigen Tagen einen Arbeitsplatzabbau am Standort Hennigsdorf bei Berlin angekündigt. Gespräche zwischen Arbeitgebern und Belegschaft gibt es dazu aber bisher nicht, heißt es bei der IG Metall.

          Alter Bekannter als Aufsichtsratschef

          Die Höhe der Bürgschaften, mit denen Bombardier rechnen kann, werden nach Größe der Standorte auf die Länder verteilt. Den höchsten Anteil soll Brandenburg mit knapp 117 Millionen Euro übernehmen, Sachsen hat fast 108 Millionen Euro zugesagt, auf Nordrhein-Westfalen entfallen 37 Millionen Euro und auf Hessen 34 Millionen Euro. Baden-Württemberg hat 41 Millionen Euro zugesagt, aber die Gewährung der Bürgschaft ausdrücklich vom Erhalt der rund 850 Arbeitsplätze in Mannheim, einem wichtigen Entwicklungsstandort für Antriebs- und Steuerungstechnik, abhängig gemacht.

          An der Spitze des Aufsichtsrats von Bombardier Deutschland steht seit Mai vergangenen Jahres ein alter Bekannter: der ehemalige Bahnchef Rüdiger Grube. Unter seiner Ägide hatte die Bahn sogar einen Rechtsstreit gegen Bombardier angestrengt. Für Grube offenbar vergessene Zeiten – und doch mit Folgewirkungen. Über Jahre bekam und bekommt Bombardier seine Qualitäts- und Lieferprobleme nicht in Griff.

          Nicht nur die Deutsche Bahn hatte Beschwerden beim Regionalzug Talent 2 und bei den Zulieferungen zum ICE4, sondern auch die Schweizer SBB, die Doppelstockwagen geordert hatten. Derzeit gibt es auch Ärger in Baden-Württemberg, wo der Bahnbetreiber Abellio für den Regionalverkehr im Neckartal vor vier Jahren 43 Triebwagen bestellt hatte, aber noch immer auf 22 Züge wartet, die schon seit langem im Einsatz sein sollten.

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