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Großbritanniens Wirtschaftsminister : „Wir waren selbstzufrieden“

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„Der britische Bankensektor ist mit Sicherheit viel zu groß geworden“, sagt Wirtschaftsminister Vince Cable. Bild: AFP

Zu große Banken, zu wenig Exporte - die Briten hadern mit den Fehlern ihrer Wirtschaftspolitik. Im Gespräch mit der F.A.Z. äußert sich Wirtschaftsminister Cable zur Strategie der Londoner Regierung und einem möglichen Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

          Herr Cable, Europas Wähler haben die Sparpolitik zunehmend satt. Großbritannien aber zählt zu den Vorreitern einer radikalen Sanierung der Staatsfinanzen. Müssen Sie jetzt umdenken?

          Nein. Es geht nicht darum, sich zwischen Sparen und Wachstum zu entscheiden. So funktioniert das nicht. Wir brauchen beides. Wenn wir unsere Position als vertrauenswürdiger Schuldner verteidigen wollen, dann müssen wir den Staatshaushalt sanieren und zugleich Wachstum schaffen. Es ist verständlich, dass die Leute ungeduldig sind. Aber wir tun das richtige. Wir brauchen keine politische Kehrtwende.

          Für große staatliche Ausgabenprogramme ist kein Geld da. Wie wollen Sie da für Wachstum sorgen?

          Eine expansive Geldpolitik trägt dazu bei, auch eine flexible Fiskalpolitik, diese aber konsistent mit den Zielen der Haushaltssanierung. Wir können etwa die staatliche Finanzkraft nutzen, um privat finanzierte Infrastrukturprojekte zu garantieren. Außerdem gibt es Initiativen auf der Angebotsseite - zum Beispiel, was die Ausbildung angeht und besser funktionierende Märkte. Deshalb sind wir so daran interessiert, den europäischen Binnenmarkt weiter zu vertiefen.

          Hat sich Großbritannien zu sehr auf die Banken und andere Dienstleistungsbranchen als Wirtschaftsmotor verlassen?

          Ja, wir waren selbstzufrieden. Wir hatten zehn Jahre lang ein rasantes Wirtschaftswachstum, aber es hatte kein sicheres Fundament. Es war nicht nachhaltig. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Der britische Bankensektor ist mit Sicherheit viel zu groß geworden. Wenn Sie die Bilanzsumme unserer Banken ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung Großbritanniens setzen, dann ist diese Relation deutlich höher als in den meisten westlichen Volkswirtschaften. Mit diesem Problem müssen wir fertig werden. Wir müssen bei anspruchsvollen Industrieprodukten stärker werden.

          Die Euro-Krise gefährdet auch die Großbritanniens Wirtschaft. Wie kann sie gemeistert werden?

          Es steht uns nicht an, die Euro-Länder darüber zu belehren, was zu tun ist. Großbritannien ist schließlich kein Mitglied der Währungsunion. Aber natürlich sind auch wir Briten über das international vernetzte Bankensystem und den Außenhandel von der Euro-Krise betroffen. Die Instrumente, um die Krise zu entschärfen, liegen auf dem Tisch. Es geht jetzt darum, sie wirksam zu nutzen: Die südeuropäischen Länder müssen Anpassungen vornehmen, das ist klar. Wir wissen außerdem, dass wir eine Brandschutzmauer brauchen, um Spanien und Italien abzuschirmen. Wir wissen auch, dass wir eine Fiskalunion brauchen, die Transfers ermöglicht.

          Braucht es Eurobonds?

          Wie gesagt, ich will hier keine spezifischen Maßnahmen diktieren, aber das scheint mir eine sehr vernünftige Idee zu sein.

          Befürchten Sie eine weitere europäische Bankenkrise, wenn Griechenland aus dem Euro austritt und wie verwundbar sind die britischen Banken?

          Alle sind sehr beunruhigt, sogar die Amerikaner. Und Großbritannien ist ebenfalls bedroht, vielleicht nicht so sehr in Griechenland. Da haben deutsche und französische Banken wohl die größeren Probleme. Aber wir sind sicherlich sehr stark in Irland exponiert. Deshalb ist es für uns sehr wichtig, dass diese Krise entschärft wird. Ein Austritt Griechenlands - ob freiwillig oder erzwungen - ist sicherlich kein wünschenswertes Ergebnis und hätte negative Konsequenzen. Es ist Wunschdenken, anzunehmen, dass sich dadurch etwas verbessern würde.

          Warum hilft die britische Regierung nicht stärker mit, die Krise zu entschärfen? Zentrale Maßnahmen wie den Fiskalpakt tragen Sie nicht mit.

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