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Benzin-Krise in Großbritannien : Sogar Professoren werden als Lkw-Fahrer umworben

Autofahrer stehen an einer Tankstelle in der englischen Grafschaft Kent in einer Schlange, um zu tanken. Bild: dpa

Die britische Benzin-Krise entspannt sich nur langsam. Jetzt schlagen auch andere Branchen Alarm – zum Beispiel die Fleischer. Zu Weihnachten drohe ein Fest ohne Truthahn und Würstchen.

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          Auch für die Reichen und Berühmten in Großbritannien ist es derzeit nicht so leicht, an Sprit zu kommen. Fußballstar Christiano Ronaldo schickte seinen Fahrer mit der Bentley-Limousine los, um irgendwo Benzin aufzutreiben. Nach fast sieben Stunden Warten an einer Tankstelle kehrte der Fahrer zurück – ohne Sprit, wie die Zeitung The Sun meldete. „Selbst mit all seinem Geld sitzt Ronaldo im gleichen Boot wie wir alle“, flüsterte einer aus seinem Umfeld dem Boulevardblatt zu.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wie Christiano Ronaldo geht es derzeit Millionen Briten, nur dass sie keinen Bentley zu betanken haben. Man trifft verärgerte und besorgte Nachbarn, die sich fragen, wie sie die Kinder noch zur Schule fahren und danach in die Arbeit kommen sollen. Eine junge Frau erzählt im Zug nach Somerset, dass ihr Kleinwagen in London auf der Straße plötzlich stehen blieb. Jetzt fährt sie mit der Bahn zu ihren Eltern. Ein Viertel aller Taxifahrer, so hieß es, habe die Arbeit zeitweise aufgegeben, weil sie keinen Sprit mehr in den Tank bekamen. Sie hatten nicht das Glück wie Multimillionär Ronaldo, der später doch noch in Manchester auf der Straße gesehen wurde – mit seinem Ursus-SUV von Lamborghini.

          „Ein toller Start in den Tag“

          Nigel Farage, der frühere Chef der Brexit-Partei, erntete auf Twitter viel Spott, nachdem er dort schrieb: „Die Regierung erzählt uns, dass die Benzin-Krise sich entspannt. Ich bin heute [Donnerstag] Morgen zu sieben Tankstellen gefahren, und bei keiner einzigen gab es Treibstoff.“ Zuletzt habe er noch einen Auffahrunfall mit einem Van gehabt. „Ein toller Start in den Tag.“ Das Echo war überwiegend Schadenfreude. Denn habe nicht der Brexit erst dazu geführt, dass sich viele Lkw-Fahrer aus Osteuropa zurückgezogen hätten, die nun für die Treibstoffversorgung fehlten, so fragten Farage-Gegner.

          Die Benzin-Krise war vor einer Woche eskaliert, nachdem Medien über eine Benzin-Knappheit an einzelnen BP-Tankstellen berichteten. „Don’t panic, sagt die Regierung“, titelte die Times. Natürlich löste das erst recht eine Panik aus und erst Hunderttausende, dann Millionen Autofahrer eilten zu den Tankstellen. Die waren innerhalb von Stunden ausverkauft. Die Sprit-Versorgung brach zusammen, weil vielerorts fünfmal mehr Benzin als normalerweise gekauft wurde. Es ähnelte ein bisschen dem Run auf Klopapier während des ersten Corona-Lockdowns. In der Spitze berichtete bis zu 90 Prozent der Tankstellen, dass sie auf dem Trockenen säßen, so die Petrol Retail Association (PRA), der Verband der unabhängigen Tankstellen. Die PRA vertritt etwa zwei Drittel der 8400 Tankstellen im Königreich.

          Nigel Farage
          Nigel Farage : Bild: dpa

          Inzwischen ist diese Zahl deutlich gefallen. Die Krise beginnt sich zu entspannen. Es seien „nur“ noch etwa ein Viertel der Tankstellen, die mangels Sprit die Zapfsäulen gesperrt haben, teilte die PRA am Donnerstag mit. 52 Prozent der Tankstellen besitzen ausreichend Sprit jeder Sorte. In Schottland und Nordirland gibt es kaum Knappheiten, in Nordengland und dem Südwesten nur wenig. Aber in Südostengland mit der Hauptstadtregion, in der allein fast 9 Millionen Menschen leben, sind die Sprit-Pegelstände sehr gering. Die Tankstellen besitzen nur knapp 20 Prozent der maximalen Befüllung ihrer Treibstofftanks, normalerweise sind die Tanks durchschnittlich zu 43 Prozent gefüllt, hieß es am Donnerstag.

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