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Großbritannien und der Brexit : Johnson gibt der Wirtschaft Klarheit

Mitarbeiter applaudieren Boris Johnson in der Downing Street,nach seiner Rückkehr von einem Treffen mit der Queen. Bild: Reuters

Kaum ein Unternehmen möchte den Brexit. Trotzdem sind nach dem Wahlsieg der Konservativen viele erleichtert: Börsianer, Ökonomen – und Donald Trump.

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          Nach dem klaren Sieg der britischen Konservativen von Premierminister Boris Johnson bei der Parlamentswahl ist der Pfundkurs sprunghaft gestiegen. Das Pfund schoss in Reaktion auf die BBC-Hochrechnung am Donnerstagabend um fast 2 Prozent in die Höhe und notierte am Freitag zeitweilig über 1,20 Euro. Dies ist der höchste Stand seit Mitte 2016, nachdem die britische Währung wegen des Brexit-Votums stark gefallen war. Nun erscheint es vielen Marktteilnehmern sicher, dass die Gefahr eines No-Deal-Brexits gebannt ist und der EU-Austritt mit einem Abkommen am 31. Januar 2020 vollzogen wird. An den Devisenmärkten überwiegt die Ansicht, dass Johnson mit seiner großen Mehrheit im Parlament weniger Rücksicht auf die Brexit-Hardliner seiner Partei nehmen müsse und daher zu Kompromissen mit der EU für ein künftiges Freihandelsabkommen bereit sein könnte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die deutsche Wirtschaft reagierte überwiegend erleichtert auf den Wahlausgang. „Der politische Nebel in London lichtet sich“, teilte der Industrieverband BDI mit. Mit dem Wahlausgang sei der Auftrag verbunden, das EU-Austrittsabkommen jetzt rasch anzunehmen. „Kein Unternehmen in Deutschland möchte den Brexit. Trotzdem atmen unsere Unternehmen auf, dass endlich ein Mandat für die Annahme des Austrittsvertrags vorliegt“, schrieb der BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Der Handelsfachmann und Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Gabriel Felbermayr, bedauerte den absehbaren britischen EU-Austritt als traurigen Moment für Europa. „Deutschland verliert einen wichtigen Verbündeten für Freihandel und den Binnenmarkt“, sagte er.

          Übergangsfrist bis Ende 2020

          Der britische Unternehmensverband CBI gratulierte Johnson zum Sieg. Nach drei Jahren politischen Stillstands habe der Premierminister jetzt ein klares Mandat zum Regieren. Er müsse die lähmende Unsicherheit überwinden und neues Vertrauen schaffen. Der Premier müsse alles tun, um einen harten Brexit zu vermeiden. Außerdem forderte der Verband wirtschaftsfreundliche Regelungen zu den Themen Migration, Innovationen, Infrastruktur und Ausbildung. Das werde helfen, Großbritannien wieder „auf die Weltbühne“ zu setzen. Der britische Gewerkschaftsverband, der sich für die Labour-Partei von Jeremy Corbyn eingesetzt hatte, reagierte enttäuscht auf den Wahlausgang und kündigte Johnson „sehr kurze Flitterwochen“ als Premier an.

          Schon nächste Woche, nach der Eröffnung des neuen Parlaments durch eine Rede der Königin, will Johnson im Parlament über den EU-Austrittsvertrag abstimmen lassen. Nach dem Brexit am 31. Januar tritt dann eine Übergangsfrist bis Ende 2020 in Kraft, in der sich für den Handel noch nichts ändert. Verschiedene Verbände und Ökonomen äußerten am Freitag ihre Sorge, dass die Zeit dieser Übergangsfrist nicht ausreichen werde, um ein umfassendes Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln und zu ratifizieren. Ifo-Präsident Clemens Fuest sagte, für Entwarnung sei es zu früh, obwohl ein chaotischer Brexit mit unkalkulierbaren Kosten zunächst abgewendet sei. „Es wird schwer, innerhalb der Übergangsfrist bis Ende 2020 ein Freihandelsabkommen zu vereinbaren.“

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