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Großbritannien : Royal Mail im Überlebenskampf

Für den staatlichen Postkonzern lassen sich kaum private Investoren finden Bild: REUTERS

Die britische Staatspost hat Schwierigkeiten: 375 Jahre nach ihrer Gründung sieht die Zukunft des maroden Dienstleisters düster aus. Die neue Regierung wagt einen neuen Anlauf zur Privatisierung. Das hatte sich nicht einmal Margaret Thatcher einst getraut.

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          Sie sind zentnerschwer, sehen aus wie gusseiserne Panzerschränke, und wenn sie reden könnten, hätten sie viel zu erzählen. Denn viele der nostalgischen feuerroten Briefkästen stehen seit Generationen an Großbritanniens Straßenecken. Traditionell prangen auf jedem britischen Briefkasten die Initialen des bei seiner Aufstellung amtierenden Monarchen. Nicht selten sind es noch die von König George VI. (1895 bis 1952), und selbst Briefkästen aus viktorianischen Zeiten warten auf der Insel weiter stumm auf Kundschaft.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Postrelikte Ihrer Majestät stehen wegen schwacher Fundamente häufig etwas windschief da, und so ist es auch um die gesamte Royal Mail bestellt. Die heimische Staatspost stehe „einer Reihe von potentiell tödlichen Gefahren“ gegenüber, warnt der britische Wirtschaftsminister Vince Cable und bekräftigt die Absicht der neuen Regierung in London, den maroden Staatskoloss endlich zu privatisieren (siehe Privatisierungsplan für Royal Mail empört Briten ). Der Rückgang der Briefsendungen, ein jahrzehntelanger Investitionsstau, Ineffizienz sowie ein milliardenschweres Finanzloch in der betrieblichen Pensionskasse gefährdeten die Zukunft der traditionsreichen Royal Mail, deren Wurzeln 375 Jahre zurückreichen, sagt Cable weiter.

          Fast alle Staatsbetriebe verkauft oder abgewickelt

          Die seit Mai amtierende konservativ-liberale Koalitionsregierung in London packt mit ihren Privatisierungsplänen ein glühend heißes Eisen an. Egal ob es um Stahl, Bergbau, Öl, Versorger, Telekommunikation, den Luftverkehr oder die Eisenbahn ging - seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden in Großbritannien praktisch alle früheren Staatsbetriebe an private Eigentümer verkauft oder abgewickelt.

          Doch an der Royal Mail, die im vergangenen Geschäftsjahr bei einem Umsatz von 9,4 Milliarden Pfund einen Nettoverlust von 1,6 Milliarden Pfund verbuchte, ging diese Zäsur in der britischen Wirtschaftsgeschichte scheinbar spurlos vorbei. Nicht einmal die bedingungslos marktgläubige Premierministerin Margaret Thatcher hat sich einst getraut, Hand an die königliche Post zu legen.

          Viele Klagen über die „heilige Kuh“

          Die Briten verbindet eine Hassliebe mit ihrer Staatspost, die trotz Liberalisierung in der Briefzustellung noch immer ein faktisches Monopol hat: Einerseits klagen viele über die lahme Briefzustellung. Andererseits ist das Unternehmen mit seinen rund 168 000 Mitarbeitern auf der Insel eine heilige Kuh. Erst im vergangenen Jahr scheiterte Cables Vorgänger im Wirtschaftsministerium mit seinem Versuch, die Royal Mail zumindest teilweise zu privatisieren, um dem Postdienstleister frisches Kapital zuzuführen. Doch mehr als 130 Parlamentsabgeordnete seiner eigenen Partei stellten sich gegen die Pläne von Peter Mandelson.

          Noch ist weitgehend offen, wie die neue Regierung die Privatisierung angehen wird. Einzelheiten will Cable im Herbst bekanntgeben. Der Liberale hat allerdings bereits klargestellt, dass zwar der Postdienst "für private Investoren geöffnet"werden soll, aber die Postämter selbst in Staatshand bleiben sollen. Begründung: deren "herausragende Bedeutung für das soziale und wirtschaftliche Leben in den britischen Kommunen". Auch auf dem rund 8 Milliarden Pfund schweren Defizit in der Pensionskasse wird die Regierung wohl sitzenbleiben, denn andernfalls dürften sich kaum Käufer finden.

          Postgewerkschaft verteidigt Privilegien

          In Frage kommen ein Teil- oder Komplettverkauf sowie ein Börsengang. Als Berater hat die Regierung die Investmentbank UBS angeheuert, doch könnte sich die Privatisierung abhängig vom Marktumfeld über mehrere Jahre hinziehen. Vor allem der niederländische Logistikkonzern TNT ist immer wieder als potentieller Interessent gehandelt worden, während die Deutsche Post bislang abwinkt.

          Der neue Eigentümer müsste den Kampf mit der kampferprobten Postgewerkschaft CWU aufnehmen, die mit allen Mitteln die Privilegien der Belegschaft verteidigt und erst vergangenen Herbst mit einem landesweiten Streik für Chaos sorgte. Der streitbare CWU-Chef Billy Hayes hält von den Plänen des Wirtschaftsministers überhaupt nichts: „Die Privatisierung ist alte Politik, die gescheitert ist“, kommentiert der Gewerkschafter den Plan der Regierung.

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