https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/grossbritannien-proteste-gegen-hohe-spritpreise-18151380.html

Protest für und gegen Öl : Die Briten werden nervös

In Leeds: Ein Aktivist kritisiert den rasanten Anstieg der Energiepreise und verlangt radikale Reformen. Bild: Getty

Britische Autofahrer und Bauern protestieren gegen die hohen Spritpreise. Anderswo kleben sich Anti-Öl-Aktivisten in Museen fest.

          3 Min.

          Rund ein Dutzend Autobahnen und Fernstraßen in England und Schottland sind Anfang dieser Woche zeitweilig lahmgelegt worden. Hunderte Vans, Lastwagen und Traktoren blockierten die Straßen und verursachten lange Staus, indem sie nur in sehr langsamem Tempo fuhren. Die Gruppe „Fuel Price Stand Against Tax“ fordert von der Regierung, dass sie gegen die hohen Benzin- und Dieselpreise vorgeht.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auf Facebook hat sie 50.000 Anhänger. Nach einer Protestaktion auf der M4-Autobahn von London nach Wales hat die Polizei zwölf Beteiligte festgenommen. Eine Drittelmillion Menschen unterzeichnete unterdessen eine Petition für eine Senkung der Spritsteuer. Die im Frühjahr beschlossene Ermäßigung um 5 Pence (6 Eurocent) je Liter hat den Anstieg auf Rekordstände nur wenig gebremst. An vielen Tankstellen kostet ein Liter Diesel mehr als 2 Pfund (2,30 Euro), Benzin ist über 1,90 Pfund gestiegen.

          Ein Vincent-van-Gogh-Gemälde

          Organisiert wurden die Straßenproteste zum Teil von Kleinunternehmern, Handwerkern und Bauern. Nun wird spekuliert, dass Großbritannien am Anfang von Protesten stehen könnte, die von der französischen „Gelbwesten“-Bewegung inspiriert sind. Damit würde sich eine zweite Front auftun, nachdem bislang vor allem Klimaaktivisten wie „Extinction Rebellion“ mit Störungen des Verkehrs Aufsehen erregt hatten.

          Diese haben eine neue Taktik erfunden. Selbsternannte Klimaschützer der Gruppe „Just Stop Oil“ dringen in Museen ein und kleben sich an Gemälde fest. Am Montag wurde John Constables „Heuwagen“ von 1821 in der National Gallery zum Ziel. Aktivisten überdeckten das berühmte Landschaftsgemälde mit einer düsteren Szenerie: Der Fluss ist durch eine Straße überbaut, der Himmel voller Flugzeuge und Rauch, Bäume brennen. Zwei Aktivisten befestigten ihre Hände mit Schnellkleber an den Rahmen. Museumskonservatoren gehen von nur geringem Sachschaden aus.

          Vergangene Woche hatten sich zwei junge Frauen in der Londoner Courtauld-Galerie an den Rahmen eines Gemäldes von Vincent van Gogh geklebt, um damit nach eigenen Angaben gegen Hitze und Trockenheit in Südfrankreich zu protestieren. Auch beim British Grand Prix bei Silverstone kam es am Sonntag zu Protestszenen: Aktivisten stürmten auf die Fahrbahn, während Formel-1-Rennautos dort noch Runden drehten.

          Die Energiekrise erzeugt Unruhe

          Die Aktivisten fordern, dass die Regierung sofort alle neuen Öl- und Gas-Förderprojekte in Großbritannien stoppen soll. Danach sieht es indes nicht aus. Boris Johnsons Regierung ist einerseits dem gesetzlich verankerten Ziel verpflichtet, bis zum Jahr 2050 die CO2-Emissionen des Landes auf Netto-Null zu senken.

          Andererseits erzeugt die Energiepreiskrise große Unruhe in der Bevölkerung. Die seit dem Ukrainekrieg stark steigenden Preise für Erdöl und Erdgas haben in London teilweise zu einem Umdenken geführt, dass in der Nordsee neue Öl- und Gasfelder erkundet werden sollten. Wirtschafts- und Energieminister Kwasi Kwarteng ist dafür, auch um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren.

          Diese Woche muss die Regierung zudem entscheiden, ob sie für eine neue Kohlemine bei der nordenglischen Hafenstadt Whitehaven die Genehmigung erteilt. Es wäre der erste neue Kohlebergbau seit mehr als dreißig Jahren auf der Insel. Die Befürworter argumentieren, dass die Mine in Cumbria russische Kohleimporte für die Stahlindustrie ersetzen soll. In der strukturschwachen Region gibt es Unterstützung für den Bergbau, der Arbeitsplätze schaffen würde; Klimaschützer sind jedoch empört. Bis Donnerstag muss der zuständige Minister Michael Gove entscheiden, ob er die Genehmigung erteilt.

          Ein weiteres großes Streitthema ist Fracking. In dieser Woche soll ein wissenschaftlicher Bericht der British Geological Society (BGS) über die Chancen und Gefahren veröffentlicht werden. In Nordengland war vor Jahren an mehreren Standorten Fracking ausprobiert worden, doch 2019 stoppte die Londoner Regierung nach einer Reihe kleinerer Erdstöße die Erkundungsbohrungen.

          Das Unternehmen Cuadrilla, das eine Viertelmilliarde in die Probebohrungen investiert hatte, hat jüngst einen neuen Vorstoß gemacht und will die Bewohner der Region an erwarteten Gewinnen beteiligen. Die BGS schätzte in einem früheren Bericht, dass im nordenglischen Schiefergestein so viel Gas stecke, dass es den britischen Bedarf über viele Jahre denken könnte. Einige Minister in Johnsons Kabinett und Tory-Abgeordnete wollen die Türe für die umstrittene Gasförderung wieder öffnen. Umweltgruppen wie „Frack off“ sind strikt dagegen.

          Weitere Themen

          Erdgas oder Erdbeben

          FAZ Plus Artikel: Niederlande : Erdgas oder Erdbeben

          Im Nordosten der Niederlande bebt die Erde. Schuld ist die Erdgasförderung – ein großes Gasfeld in Groningen soll daher Ende des Jahres schließen. Ist das angesichts des Krieges noch haltbar?

          Topmeldungen

          Legt auch ihr Amt als RBB-Chefin nieder: Patricia Schlesinger

          Nach Schlesingers Rücktritt : Der RBB liegt in Trümmern

          Zuerst trat sie als ARD-Vorsitzende zurück, dann als Intendantin des RBB. Patricia Schlesinger hat die Reißleine gezogen. So vermeidet sie einen erzwungen Abgang. Ihr Sender braucht einen Neuanfang, der sich gewaschen hat.
          Gustavo Petro reckt am Ende seiner Rede zur Amtseinführung die Faust in die Höhe.

          Kolumbien : Präsident Petro tritt ein schwieriges Amt an

          Kolumbien hat erstmals einen linksgerichteten Präsidenten. Der ehemalige Guerillakämpfer Gustavo Petro legte in Bogotá seinen Amtseid ab. Dabei sorgte die Vorgängerregierung für einen Misston.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.