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Konservative unter Druck : Biegt Großbritannien nach links ab?

Labour leuchtet mit Jeremy Corbyn so feuerrot wie seit einer Generation nicht mehr. Bild: HALL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Auf der Insel liegt eine wirtschaftspolitische Zeitenwende in der Luft. Der radikale sozialistische Oppositionschef Jeremy Corbyn treibt eine schwache Regierung vor sich her.

          Der Ton war laut und kämpferisch – die Botschaft blieb trotzdem matt: 40 Minuten lang arbeitete sich Großbritanniens Schatzkanzler Philip Hammond in seiner Rede an der politischen Konkurrenz ab. In der Labour Party seien „die Dinosaurier aus den Glasvitrinen ausgebrochen“, wetterte Hammond diese Woche auf dem Parteitag der britischen Konservativen in Manchester. Was der stramm linke Oppositionschef Jeremy Corbyn vorhat, das hält der Schatzkanzler für „eine klare und unmittelbare Bedrohung für unseren Wohlstand“. Labour wolle „mit der Sprache der Vergangenheit die Schlachten der Vergangenheit“ noch einmal ausfechten.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Rückwärtsgewandt? Aus der Zeit gefallen? Von gestern? Demoskopen im Vereinigten Königreich zeichnen diesen Herbst ein ganz anderes Stimmungsbild: Sie sehen den linken Klassenkämpfer Corbyn und seine Truppe auf der Höhe des Zeitgeists. Eine Umfrage der Londoner Denkfabrik Legatum zeigt, dass mehr als drei von vier Briten die Pläne Corbyns zur Verstaatlichung von Wasserwerken, Energieversorgern und der Eisenbahnen unterstützen. Jeder zweite hält die Verstaatlichung der Banken für eine gute Idee. Eine große Mehrheit ist der Meinung, dass die britische Wirtschaft vom Staat deutlich stärker reguliert werden sollte.

          Gute Chancen im Fall von Neuwahlen

          Labour leuchtet so feuerrot wie seit einer Generation nicht mehr – und hat damit, entgegen aller Prognosen, Erfolg bei den Briten. Die Konservativen finden bislang keine schlagkräftige Antwort darauf, wie Hammonds Parteitagsrede zeigt: Die Regierung müsse „zuhören“ und die Sorgen der Leute ernst nehmen, mahnte er. Es gelte „mit der Marktwirtschaft zu arbeiten, um pragmatische Lösungen zu finden, die das alltägliche Leben verbessern“. Die Resonanz auf die wolkigen Ausführungen Hammonds war auch in wohlgesonnenen Kreisen bescheiden: „Stark in der Diagnose, aber schwach, wenn es darum geht, zu agieren“, kommentierte Carolyn Fairbairn, Chefin des Unternehmensverbands CBI.

          Schatzkanzler Philip Hammond auf dem Parteitag der Konservativen

          Der Gegenspieler Corbyn punktet dagegen bei vielen Briten mit radikalen Versprechungen: Während die Regierung nur signalisiert, die hohen Studiengebühren an den Universitäten nicht weiter zu erhöhen, verspricht Labour, diese komplett abzuschaffen. Familien, die sich kein Eigenheim leisten können, sollen von einer gesetzlichen Mietpreisbremse profitieren. Alte und Kranke lockt Corbyn mit der Ankündigung, viele Milliarden Pfund zusätzlich ins staatliche Gesundheitssystem NHS zu investieren. Finanzieren will Labour diese und weitere Ausgaben mit höheren Steuern für Besserverdiener und Unternehmen. Fachleute halten die Rechnung zwar für unrealistisch, doch tut das dem Erfolg keinen Abbruch.

          „Wir sind jetzt der politische Mainstream“, triumphierte Corbyn kürzlich auf dem Labour-Parteitag in Brighton. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sieht es so aus, als können mit einem sozialistischen Programm auf der Insel wieder Wahlen gewonnen werden. Wenn demnächst Neuwahlen anstünden – was angesichts der wackligen, konservativen Minderheitsregierung im Parlament durchaus möglich ist – hätte der linke Volkstribun Corbyn gute Chancen, neuer Hausherr in der Downing Street zu werden. Wählerumfragen sehen Labour seit Monaten vor den konservativen Torys der politisch angeschlagenen Premierministerin Theresa May.

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