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Studie der Universität Oxford : Hat die Hälfte aller Briten schon Corona?

Zur Stoßzeit sind die U-Bahnen in London immer noch voll. Bild: dpa

Millionen Briten könnten sich laut einer Studie schon unwissentlich angesteckt haben. Andere Forscher kritisierten die Veröffentlichung als voreilige und nicht-begutachtete Skizze.

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          Laut einer Studie von Epidemiologen der Universität Oxford könnte die Hälfte der britischen Bevölkerung sich seit Mitte Januar schon mit dem Coronavirus angesteckt haben. Das wären etwa 30 Millionen Menschen. Falls diese Modellrechnung auch nur annähernd korrekt ist, hätte das weitreichende Auswirkungen. Es hieße, dass die Quote derer, die wegen Corona eine Behandlung im Krankenhaus benötigen, bei weniger als 1 zu 1000 liege. Das sagte Sunetra Gupta, Professorin für theoretische Epidemiologie der Oxford Martin School, über deren Studie die „Financial Times“ und andere britische Medien am Mittwoch berichten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die allermeisten Corona-Infizierten zeigten nur sehr milde oder gar keine Symptome, betont die Forscherin. Gupta fordert, dass die Regierung sofort mit flächendeckenden Tests beginnen müsse um herauszufinden, welcher Anteil der Bevölkerung schon Antikörper gegen das Virus entwickelt habe. Laut der Studie hat sich das Virus schon seit Mitte oder Ende Januar unbemerkt verbreitet, erst Mitte Februar wurden die ersten Fälle auf der Insel offiziell registriert.

          Falls die Größenordnung der Ansteckung halbwegs stimmt, hätte sich in der Bevölkerung schon eine gewisse „Herden-Immunität“ herausgebildet, argumentieren die Oxford-Wissenschaftler der Gruppe „Evolutionary Ecology of Infectious Disease“. Ihre Berechnung wurde sofort von anderen als voreilige und nicht-begutachtete Skizze kritisiert.

          88 Prozent weniger Fahrgäste in Londoner U-Bahn

          Das nur sechs Seiten lange Paper des Oxford-Forscherteams stehen in starkem Kontrast zu einer großen Modellrechnung von Wissenschaftlern des Imperial College London (ICL), die vor einer halben Million Toten im Vereinigten Königreich warnten, wenn sich das Virus ungebremst ausbreite. Die ICL-Studie hatte die Regierung zu einer politischen Kehrtwende mit harten Einschränkungen des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens veranlasst. Laut den neuesten Zahlen sind offiziell etwas mehr als 8000 Menschen als infiziert registriert, 422 sind gestorben.

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          Kritisiert wird die zu geringe Zahl von Tests auf der Insel: Bislang wurden nur 84.000 Corona-Verdachtsfälle getestet, in Korea dagegen 300.000 und in Deutschland laut den Akkreditierten Laboren in der Medizin 400.000.

          Die Regierung hat pensionierte Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger angeschrieben und gebeten, wieder in den Krankenhäusern des National Health Service (NHS) zu arbeiten. Fast 12.000 haben sich schon zum Dienst zurückgemeldet. Gesundheitsminister Matt Hancock richtete zudem eine Bitte an die Bevölkerung, damit sie den 1,5 Millionen Menschen helfen, die sich wegen der Corona-Krise in Quarantäne begeben haben, darunter sehr viele Alte. Bis Mittwoch haben sich 170.000 Freiwillige als „NHS Volunteers“ gemeldet.

          Seit Montagabend hat Premierminister Boris Johnson einen weitgehenden „Lockdown“ angeordnet. Die Bürger sollen in ihren Häusern bleiben, sofern sie nicht in krisenrelevanten Bereichen arbeiten. Die meisten Geschäfte bis auf Supermärkte, Apotheken, Tankstellen und einige andere müssen schließen. Restaurants dürfen nur noch Essen zum Mitnehmen anbieten. Bauarbeiter dürfen allerdings weiterhin auf Baustellen tätig sein, sie müssen aber zwei Meter Abstand zueinander halten.

          Die Londoner U-Bahnen fahren weiter, auch wenn die Zahl der Züge um etwa die Hälfte reduziert wurde. Laut Angaben von Transport for London ist die Nutzerzahl um 88 Prozent gefallen. Zu Stoßzeiten sind die Züge aber weiterhin mit Tausenden Pendlern vollgepackt. Laut Bürgermeister Sadiq Khan ist fast ein Drittel der Transport for London-Beschäftigten krankgemeldet oder in Selbstisolation, daher müssten noch mehr Züge gestrichen werden. Gesundheitsminister Matt Hancock kritisierte, dass weniger Züge fahren, denn dann müssten die Pendler noch enger zusammensitzen.

          Die Wirtschaft leidet unter dem Lockdown

          Nach drei Wochen, bis zum 13. April, will die Regierung die Wirkung ihrer Lockdown-Anordnung überprüfen. Viele Experten rechnen mit mindestens zwei bis drei Monaten schwerwiegenden Einschränkungen.

          Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Wirtschaft in eine tiefe Rezession fällt. Je nachdem, wie lange der „Lockdown“ anhält, könnte die Wirtschaft in diesem Jahr stärker schrumpfen als infolge der großen Finanzkrise 2008/2009.

          Das Analysehaus Oxford Economics schätzt, dass bei einem dreiwöchigen Lockdown, der 50 bis 90 Prozent der Bevölkerung betrifft, der Konsum um 5 bis 8 Prozent in dem betroffenen Quartal sinkt, bei einer Dauer von sechs Wochen sogar um 9 bis 16 Prozent und bei zwölf Wochen um 18 bis 32 Prozent. Wie hoch der Jahresverlust wäre, hängt von Nachholeffekten und der Schnelligkeit einer Erholung ab. Oxford Economics schätzt, dass selbst bei einer kräftigen Erholung ein großer volkswirtschaftlicher Verlust bleibt. Wenn sich der Konsum innerhalb von vier Quartalen wieder dem Vorkrisenniveau annähere, bleibe bei einem 18-Prozent-Einbruch ein dauerhafter 9-Prozent-Verlust.

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