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Großbritannien : "Gebt uns British Rail zurück"

  • Aktualisiert am

Ausweg aus der Krise? Bild: Sascha Nowotka/STOCK4B

Mithilfe privater Investoren will der britische Verkehrsminister das marode Bahnnetz retten. Kritiker prophezeien sein Scheitern.

          2 Min.

          Die britische Bahn steckt in der Krise. Das wird jedem klar, der zur "rush hour" das Pech hat, in einem Londoner Bahnhof zu sein. Die Bahnsteige sind überfüllt, die Züge auch; noch dazu sind sie unpünktlich und verschmutzt.

          Nun hat die britische Regierung die Reißleine gezogen und in einem Zehnjahresplan ihr finanzielles Engagement angekündigt: Verkehrsminister Stephen Byers will mit einem Paket in Höhe von 67,5 Milliarden Pfund das marode Bahnsystem retten. Bis zum Jahr 2004 sollen laut BBC 1.700 neue Waggons angeschafft und 1.000 Bahnhöfe instandgesetzt werden. Bis 2007 sollen für 330 Millionen Pfund Gleise und Signalanlagen erneuert und für 430 Millionen Pfund regionale Verbindungen ausgebaut werden.

          Gleichzeitig soll die Qualität des Managements und des Personals verbessert werden. In zehn Jahren will die Blair-Regierung 50 Prozent mehr Passagiere und 80 Prozent mehr Fracht auf den Schienen sehen, während gleichzeitig die Züge weniger überfüllt sein sollen.

          Schlechterer Zustand als vor der Privatisierung

          British Rail, einst ein staatliches Unternehmen, wurde 1995 privatisiert. Seitdem betreiben verschiedene Unternehmen das Schienennetz, das sie nach Regionen unter sich aufteilten. Ergebnis ist ein zerstückeltes Schienennetz. Passagiere, die von London nach Aberdeen reisen, fahren mit Wagen, die der Betreiber Great North Eastern Railways von einer anderen Betreibergesellschaft least. Sie fahren über Schienen, die Railtrack gehören. Railtrack hingegen, der Zusammenschluss aller 25 Bahnbetreiber, beauftragt Baufirmen mit der Wartung der Gleise. Diese wiederum schließen Unterverträge mit weiteren Firmen.

          Verantwortlich für das gesamte Netz fühlt sich niemand mehr. Das Schienennetz, die Züge und die Bahnhöfe seien heute in wesentlich schlechterem Zustand als vor ihrer Privatisierung vor sieben Jahren, stellt die britische Zeitung "The Guardian" fest. Hinzu kommen große finanzielle Schwierigkeiten der Betreibergesellschaften, die trotz Preiserhöhungen und Einsparungen nicht kostendeckend arbeiten.

          Langfristige finanzielle Zusagen

          Der Plan von Verkehrsminister Byers, das Schienennetz zu modernisieren und auszubauen stieß zwar grundsätzlich auf Beifall bei Interessengruppen der Bahnnutzer wie „Rail Passenger Council“, „Rail Future“ oder „Transport 2000“. Mit Skepsis wird allerdings registriert, dass Minister Byers gut die Hälfte des Rettungspakets, nämlich 34 Milliarden Pfund, von privaten Investoren finanzieren lassen will. Aufgrund des maroden Zustands der Finanzen, des Schienennetzes, der Züge und der Technik erscheint die britische Bahn nicht gerade als verlockende Investition.

          Während also die staatliche Hälfte des Pakets steht, ist fraglich, ob es genug private Investoren für die zweite Hälfte gibt. Stewart Francis, Vorsitzender des „Rail Passenger Council“, nimmt an, dass aus dem privaten Sektor erst dann Geld fließt, wenn die Regierung langfristige finanzielle Zusagen für die Bahn macht.

          Wohin führt der dritte Weg ?

          Die Interessengruppen gehen davon aus, dass 80 Prozent des 67,5-Milliarden-Pakets für laufende Ausgaben verplant sind. Für die Renovierung und den Ausbau des Netzes bliebe damit kaum etwas übrig. Die finanzielle Krise der Bahnbetreiber lässt die Erfolgsaussichten des Regierungsplans noch düsterer erscheinen. „Sie werden wohl noch mehr Subventionen erhalten“, befürchtet Bahnanalyst Chris Cheek. „Dann steht weniger Geld für Schienen und Signalanlagen zur Verfügung und wir werden nicht die pünktliche, zuverlässige Bahn bekommen, die wir uns alle wünschen.“

          Stephen Joseph, Vorsitzender der Umweltgruppierung „Transport 2000“, fordert deshalb mehr Engagement und mehr Geld von der Regierung. Dieses Geld solle nicht vor allem in die großen Projekte und das Londoner Schienennetz fließen, wie der Plan es jetzt vorsieht. „Wir brauchen erstklassigen Schienenverkehr im ganzen Land“, fordert auch Stewart Francis von „Rail Passenger Council“.

          „Gebt uns British Rail zurück“, klagen Pendler im Londoner Knotenpunkt Paddington Station gegenüber der BBC. „Ich glaube, es gibt Bereiche, in denen der private Sektor nicht erfolgreich arbeitet“, räumt Verkehrminister Byers ein. Seit Oktober steht Railtrack unter staatlicher Kontrolle. Ob British Rail tatsächlich wieder auferstehen wird, hängt auch davon ab, ob Labour den berühmten dritten Weg zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Gerechtigkeit weitergeht.

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