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Lohnerhöhung : Das britische Mindestlohn-Experiment

Bis 2020 wird der Mindestlohn auf rund 9 Pfund in der Stunde steigen, umgerechnet etwa 11,50 Euro. Bild: Bloomberg

Die britische Regierung wagt eine deutliche Erhöhung der niedrigsten Löhne, um Geringverdienern zu helfen. Wird das funktionieren?

          3 Min.

          Die Befürworter feiern einen Sieg für die faire Bezahlung am Arbeitsplatz, die Gegner warnen vor einem Stellenkahlschlag im Niedriglohnsektor – an diesem Freitag beginnt in Großbritannien ein kühnes Experiment: Die Regierung in London erhöht den gesetzlichen Mindestlohn in den kommenden Jahren schrittweise um mehr als ein Drittel. Bis 2020 wird er auf voraussichtlich rund 9 Pfund in der Stunde steigen, umgerechnet rund 11,50 Euro. Zum Vergleich: Deutschland hat im vergangenen Jahr einen allgemeinen Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das ist eine der größten Mindestlohn-Erhöhungen in der westlichen Welt seit einer Generation“, sagt der für den Arbeitsmarkt zuständige Staatssekretär Nick Boles. In einem ersten Schritt müssen von diesem Monat an alle Arbeitgeber auf der Insel Angestellten ab 25 Jahren mindestens 7,20 Pfund bezahlen und damit 50 Pence mehr als bisher vorgeschrieben. Einige große Unternehmen haben die Erhöhung schon vorweggenommen – und gehen teilweise noch weiter. Zum Beispiel Aldi und Lidl: Die deutschen Supermarktketten bezahlen allen Mitarbeitern in ihren britischen Filialen neuerdings mindestens 8,20 Pfund in der Stunde.

          Vor allem in ärmeren Gegenden wird die Reform große Auswirkungen haben. Schätzungen zufolge sind etwa im Verwaltungsbezirk Torridge in der südenglischen Grafschaft Devon 35 Prozent aller Arbeitnehmer zum Mindestlohn beschäftigt – und bekommen deshalb in diesem Monat eine staatlich verordnete Lohnerhöhung. Im ganzen Land könnten rund 4,5 Millionen Briten und damit etwa jeder sechste Beschäftigte davon profitieren, erwarten die Arbeitsmarktfachleute der Denkfabrik Resolution Foundation.

          „Großbritannien verdient eine Lohnerhöhung“

          Die konservative Regierung in London hat das Bonbon für Niedriglohnempfänger im vergangenen Sommer überraschend aus dem Hut gezaubert. „Großbritannien verdient eine Lohnerhöhung“, verkündete der Schatzkanzler George Osborne. Die Wirtschaft in Großbritannien wächst zwar kräftig, und in den vergangenen fünf Jahren wurden mehr als 2 Millionen neue Stellen geschaffen. Doch viele dieser Stellen sind schlecht bezahlt. Im britischen Einzelhandel etwa arbeiten sechs von zehn Beschäftigten im Niedriglohnbereich, doppelt so viele wie vor 25 Jahren.

          Die Verblüffung über den Mindestlohn-Coup der Regierung war groß, denn die Konservativen überholen damit die oppositionelle Labour Party quasi von links: Die britischen Sozialdemokraten hatten zuvor zwar die Hungerlöhne im Niedriglohnsektor gegeißelt, selbst aber eine deutlich moderatere Aufstockung der Lohnuntergrenze propagiert als nun verwirklicht. Das Argument des Schatzkanzlers: Viele britische Geringverdiener erhalten von der Regierung Lohnzusatzleistungen („tax credits“). Doch es sei nicht Aufgabe des Staates, mit solchen Einkommensaufstockungen die Billiglöhne privater Arbeitgeber zu subventionieren.

          Bitte billig zapfen: Pubbesitzer fürchten den höheren Mindestlohn.
          Bitte billig zapfen: Pubbesitzer fürchten den höheren Mindestlohn. : Bild: Reuters

          Allerdings ist das Mindestlohn-Experiment ziemlich umstritten. Gegner sagen voraus, dass viele einfache Arbeitsplätze dadurch unrentabel werden. Sie würden gestrichen oder erst gar nicht geschaffen. Die starke Mindestlohnerhöhung sende „Schockwellen durch den Arbeitsmarkt“, kritisierte das Zeitarbeitsunternehmen Manpower. Tim Martin, der Gründer der Kneipenkette Wetherspoon, warnte, dass wegen der höheren Personalkosten womöglich viele Pubs schließen müssten. „Wir können das Land nicht reicher machen, indem wir den Mindestlohn auf ein unrealistisches Niveau anheben“, sagte Martin.

          Starke Ungewissheit

          „Der Mindestlohn wirkt faktisch wie eine Steuer auf Jobs mit niedriger Qualifikation“, befürchtet auch der Ökonom Ryan Bourne von der liberalen Londoner Denkfabrik Institute of Economic Affairs. Zu erwarten sei, dass viele Unternehmen mehr unsichere Arbeitsplätze ohne garantierte Stundenzahl und festes Einkommen, sogenannte „zero hour contracts“, anböten. Zugleich findet es Bourne bedenklich, dass die Politiker die bisher für die Festsetzung des Mindestlohns zuständige unabhängige Expertenkommission weitgehend irrelevant machten.

          Offiziellen Schätzungen zufolge wird die höhere Lohnuntergrenze bis zum Ende des Jahrzehnts etwa 60.000 Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor kosten. In Relation zur Größe des britischen Arbeitsmarkts wären das moderate Einbußen. Ob die Rechnung aufgeht, ist allerdings ungewiss. Ökonomen sind sich darüber einig, dass es für die Höhe des Mindestlohns eine Schmerzgrenze gibt, von der an im großen Stil Arbeitsplätze verlorengehen. Das Problem: Niemand weiß, wo genau diese Schwelle liegt.

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