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Großbritannien : Einwanderer flüchten in Corona-Krise

Vor allem Migranten aus Osteuropa und dem Baltikum haben Großbritannien den Rücken gekehrt. Bild: Reuters

1,3 Millionen Migranten sollen Großbritannien in der Rezession verlassen haben. Allein im Großraum London sind es Hunderttausende. Nun hofft die Regierung, dass eine schnelle Impfkampagne die Wende bringt.

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          Die Corona-bedingte Wirtschaftskrise in Großbritannien hat zu einer Auswanderungswelle von Ausländern geführt. Laut einer Auswertung offizieller Statistiken sollen innerhalb eines Jahres bis zu 1,3 Millionen Zuwanderer dem Land den Rücken gekehrt haben – etwa je zur Hälfte EU- und Nicht-EU-Ausländer. Allein den Großraum London, der stark von Immigranten bevölkert ist, sollen demnach 700.000 Ausländer verlassen haben, heißt es in einer Analyse des Instituts Economic Statistics Centre of Excellence.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das Escoe hat Daten des Statistikamts ONS über die Bevölkerungsentwicklung bis zum dritten Quartal 2020 analysiert und kommt zu der Interpretation, dass die Zahl der Nicht-Briten besonders stark gesunken ist. Gleichzeitig ist die Zahl von Briten mit Beschäftigung in London laut den Daten bis Sommer 2020 deutlich gestiegen. Die Escoe-Ökonomen kommen zum Schluss einer gewissen Verdrängung von ausländischen durch inländische britische Arbeitskräfte.

          Die Abwanderung ausländischer Bevölkerung von der Insel habe den „größten Rückgang der Bevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg gebracht“, schreiben die Autoren des Escoe, deren Text in der britischen Presse Aufsehen erregt. Allerdings gehen ihre Interpretationen teils deutlich über die offiziellen Statistiken hinaus, die keinen so dramatischen Bevölkerungsrückgang sehen. Die Autoren selbst schreiben, dass der Rückgang – vor allem in London – nur vorübergehend sein könnte, wenn Immigranten nach der Corona-Krise zurückkehren sollten. Laut ONS-Statistiken lebten vor Corona in der Metropole mehr als 8,5 Millionen Menschen. London ist damit – neben Paris – die größte Stadt Westeuropas.

          Dauerhafter Wegzug führt zum Nachteil

          In der Vergangenheit hat es auch schon erhebliche Bevölkerungsverschiebungen gegeben. Die Londoner Innenstadt verlor in den siebziger Jahren bis zu 20 Prozent an Bevölkerung, als viele Menschen aus der damals weniger attraktiven und wirtschaftlich angeschlagenen Stadt wegzogen. Sollte es jetzt wegen Corona einen dauerhaften Wegzug von Immigranten geben, hätte das spürbare Auswirkungen auch auf die Wirtschaftsentwicklung der Metropole.

          Derzeit ist die ökonomische Lage extrem schwierig. Schon im November, als die Corona-Maßnahmen in vielen Regionen verschärft wurden, schrumpfte die Wirtschaftsleistung wieder. Sie sank um 2,6 Prozent zum Vormonat, gab die Statistikbehörde am Freitag bekannt. Finanzminister Rishi Sunak sagte: „Es ist klar, dass die Dinge noch schlechter werden, bevor sich die Lage wieder bessert.“ Die britische Handelskammer schrieb, eine neue Rezession im ersten Quartal sei unvermeidlich. Laut dem Ökonomen Kallum Pickering von der Berenberg-Bank ist der Schock des zweiten Lockdowns aber deutlich weniger schlimm an im ersten Lockdown im Frühjahr 2020. „Trotz der Lockdowns war die Wirtschaftsleistung im November 21,6 Prozent über dem April-Level“, betont er.

          Dienstleistungssektor stark betroffen

          Der neue Corona-Lockdown trifft vor allem den Dienstleistungssektor hart und besonders die Gastronomie. Geschäfte mussten wieder schließen, Restaurants dürfen nur noch Speisen zum Mitnehmen anbieten, alle Pubs haben geschlossen. Laut ONS-Statistik waren 14 Prozent der Beschäftigten Ende Dezember zwangsbeurlaubt, also faktisch ohne Arbeit, wenngleich sie vom Staat ein Ersatz-Einkommen bekommen. Das sind etwa 4,5 Millionen Menschen. Die offizielle Arbeitslosenquote ist jedoch wegen der staatlichen Unterstützungsprogramme bislang nur wenig gestiegen, sie liegt laut ONS noch knapp unter 5 Prozent.

          Schatzkanzler Sunak betonte aber, dass es auch Anlass zur Optimismus gebe: „Es gibt Gründe, hoffnungsvoll zu sein: Unsere Impfkampagne läuft und durch unseren Plan für Jobs schaffen wir Chancen für die am meisten Bedürftigen.“ Inzwischen haben schon 3 Millionen Menschen in Britannien – 5 Prozent der Bevölkerung – die erste Impfung erhalten, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Bis Ende Februar hofft die Regierung, etwa 14 Millionen Menschen aus den hohen Corona-Risikogruppen geimpft zu haben. Die Hoffnung besteht, dass dann einige Restriktionen gelockert werden können.

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