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Großbritannien : Die Angst vor der Krise des Nachbarn

  • -Aktualisiert am

Noch blickt das Vereinigte Königreich auf die hochkarätige Bonitätsbewertung „Aaa“ der Ratingagenturen. Aber die Krise im Euroraum könnte auch die britische Haushaltssanierung gefährden.

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          Die Briten können nur froh sein, dass sie nicht Mitglied der Währungsunion sind - und die Währungsunion sollte es auch sein. Wäre Großbritannien heute im Euro-Club, wäre London mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf Seiten der stabilen Kernländer, die derzeit den strauchelnden Rest durch die Schuldenmisere ziehen. London müsste mit aller Wahrscheinlichkeit - genau wie jetzt - seinen Haushalt umfassend sanieren. Vermutlich wäre der Schuldenberg noch viel höher, denn die Volkswirtschaft hätte als Euroland nicht jahrelang von der Wechselkursabwertung profitiert, die das Pfund seit Einführung des Euro erlebt hat. Außerdem wäre die Europäische Zentralbank der britischen Wirtschaft und dem britischen Kapitalmarkt nicht mit einem - jetzt auf 275 Milliarden Pfund - ausgeweiteten Notprogramm von Anleihekäufen zu Hilfe geeilt, wie es die Bank von England tut.

          Die Mahnung aus London an die deutsche und französische Regierung, die Schuldenkrise endlich zu lösen, hat freilich nichts mit Besserwisserei zu tun. Aus ihr spricht die Sorge, dass auch die britische Fiskal- und Geldpolitik mit ihrem Latein am Ende wäre, sollte sich die Lage an den Finanzmärkten weiter verschlechtern und auf die Konjunktur drücken.

          „Told you so“

          Großbritannien hat 1992 den Alleingang gewählt, den manches Euroland im Nachhinein vielleicht auch gern gegangen wäre. Vorausgegangen war die traumatische Erfahrung einer nach kräftigem Aufschwungs geplatzten Blase, das Scheitern in einem Wechselkurssystem mit erzwungenem Austritt, einer Währungsabwertung, Rezession und späterer Wirtschaftserholung. Trotz Warnungen innerhalb der Regierung Thatcher, dass das Europäische Wechselkurssystem eine „halbgare Veranstaltung“ sei, trat Großbritannien 1990 bei. London versuchte, seine viel schwächere Wirtschaft an die Geldpolitik der Bundesbank zu koppeln und scheiterte daran. Die Erfahrung, am „Schwarzen Mittwoch“ im September 1992 das Wechselkurssystem verlassen zu müssen, hielt die Briten davon ab, der Währungsunion beizutreten.

          Man kann die Fachleute und Politiker in London gar nicht zählen, die jetzt auf die Krise der Währungsunion deuten und „told you so“ sagen. Dabei geht es nicht um Schadenfreude. Im Gegenteil: Viele Briten haben den Mut der Kontinentaleuropäer zum „großen Wurf“ der Währungsunion sehr bewundert. Aber für Großbritannien war die Entscheidung goldrichtig, dem Euro nicht beizutreten, wenn auch die Labour-Regierung viele Vorteile daraus verspielte. Das Land erlebte in den Jahren vor der Finanzkrise den längsten Wirtschaftsaufschwung in zwei Generationen. Doch hat die Regierung Blair nicht hausgehalten.

          Sinkende Realeinkommen der Bürger

          In der Bankenkrise und jetzigen Staatsschuldenkrise zahlt es sich für Großbritannien aus, eine eigene Währung und Notenbank zu haben. Das Pfund hat seit Einführung der Währungsunion um fast 40 Prozent gegenüber dem Euro abgewertet. Dies hat für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit gesorgt, die allen Peripherie-Staaten der Währungsunion fehlt. Auch behauptet die Bank von England, mit ihrem Programm der Anleihekäufe das Wachstum im Land gestärkt zu haben. Großbritanniens stagnierender Wirtschaft ginge es sonst womöglich noch schlechter.

          Die konservative Regierung weiß, dass sie den Staatshaushalt rigoros sanieren muss, das laufende Defizit beträgt in diesem Jahr 9,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Sie tut dies und die Konsequenzen zeigen sich schon in sinkenden Realeinkommen der Bürger, in Nachfragemangel und Verunsicherung der Industrie. Gleichzeitig entlastet die Geldpolitik die Volkswirtschaft in einer Weise, wie dies in der Währungsunion nicht möglich wäre. Gerade erst hat die Bank von England eine zweite Welle umfangreicher Anleihekäufe angekündigt. Sie nimmt dafür sogar die Gefahr einer weiteren Abwertung der Währung und importierter Inflation in Kauf.

          Noch blickt das Vereinigte Königreich auf die hochkarätige Bonitätsbewertung „Aaa“ der Ratingagenturen. Gerade deshalb gilt der britische Anleihemarkt als Hort der Sicherheit neben dem Euro und dem Dollar. Die Ratingagenturen aber machen ihre Bewertung daran fest, wie sehr ein Staat fähig und willens ist, seinen Haushalt zu sanieren. Sie wollen erkennen, dass die Schuldenlast bedient und zurückgezahlt werden kann.

          An dem Willen fehlt es Schatzkanzler George Osborne und Premierminister David Cameron nicht. Aber wenn die Krise im Euroraum die Marktteilnehmer so verunsichert, dass man abermals in die Rezession gleitet, werden Steuereinnahmen für die Haushaltssanierung fehlen. Und wenn die Schuldenkrise dazu führt, dass plötzlich auch britische Banken wieder Staatskapital benötigen, laufen die Sanierungsanstrengungen der Regierung noch mehr aus dem Ruder. Dann werden auch an den Kapitalmärkten Zweifel laut werden, ob Schatzkanzler Osborne seinen Kurs halten kann. Diese Zweifel drücken sich an den Kapitalmärkten immer in höheren Risikoprämien, sprich Renditen, aus. Sie aber würden die Sparanstrengungen von Osborne torpedieren. Daher das Drängeln der Briten auf baldige Krisenlösung in der Währungsunion.

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