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Alte Gefährten : Großbritannien umgarnt Commonwealth-Länder

Die Flaggen der Commonwealth-Staaten vor dem Buckingham-Palace in London. Bild: dpa

Die Briten besinnen sich immer mehr auf den postkolonialen Staatenbund als Hoffnungsträger nach dem Brexit. Findet das Land sein Glück nun so?

          Wenn es um das Commonwealth geht, dann sind die Zahlen groß: 2,4 Milliarden Menschen und damit fast ein Drittel der Weltbevölkerung lebt in einem der 53 Mitgliedsländer des Staatenbundes. Flächenmäßig machen diese Länder fast ein Viertel der gesamten Landmasse der Erde aus. Dem im Jahr 1949 gegründeten Commonwealth gehören vor allem Länder an, die Teil des einstigen britischen Kolonialimperiums waren. Darunter sind Riesen auf der Weltkarte wie Indien, Kanada und Australien, aber auch Zwerge wie die pazifische Inselrepublik Nauru mit nur rund 10.000 Einwohnern.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Woche rollen die Briten den roten Teppich für den postkolonialen Staatenclub aus: In London treffen sich die Staatschefs zum Commonwealth-Gipfel, der alle zwei Jahre abgehalten wird. Lange nicht war die Erwartungshaltung im Königreich so groß wie dieses Mal. Denn in knapp einem Jahr wird Großbritannien einen anderen Staatenbund verlassen: die Europäische Union. Mit dem Brexit ist die Stärkung der alten, aber in den vergangenen Jahrzehnten brüchig gewordenen Bande zu den Commonwealth-Staaten plötzlich wieder wichtig geworden.

          Ganz oben auf der Agenda der Gastgeber steht der Ausbau des Handels. Viele Ökonomen befürchten, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zu den europäischen Nachbarn durch den Brexit leiden werden. Das Commonwealth, so die Hoffnung mancher in Großbritannien, könnte helfen, diese Einbußen wettzumachen. „In gewisser Weise kehren wir zur Commonwealth-Familie zurück“, glaubt etwa der frühere Commonwealth-Minister David Howell. Lange Zeit habe sich sein Land für die entfernte Verwandtschaft in Übersee nicht sonderlich interessiert. „Aber in den letzten zwei oder drei Jahren seit dem Brexit gab es eine große Suche nach neuen Märkten und Exportländern.“

          Alle Hoffnungen ruhen auf dem Commonwealth

          Auch die königliche Familie wird für die Charmeoffensive eingespannt. Königin Elizabeth II., die das formelle Oberhaupt des Commonwealth ist, empfängt die Regierungschefs am Donnerstag im Buckingham Palace. Im Einsatz sind auch Kronprinz Charles und seine beiden Söhne William und Harry, die an Veranstaltungen auf dem Commonwealth-Gipfel teilnehmen. Auch der jüngste Neuzugang im englischen Königshaus, Prinz Harrys amerikanische Verlobte Meghan Markle, besucht ein „Frauenforum“ im Rahmen der Konferenz.

          Die Premierministerin Theresa May umwarb unterdessen zum Auftakt am Montag die angereisten Wirtschaftsführer. Das Volumen der britischen Exporte in die anderen Mitgliedstaaten des Commonwealth habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt, pries die Regierungschefin die wirtschaftlichen Vorteile des Staatenbundes. May forderte, Handelsbarrieren zwischen den Clubmitgliedern müssten entschlossener bekämpft werden. Denn derzeit ist das Commonwealth lediglich ein loser Bund sehr unterschiedlicher Länder und keine Freihandelszone, geschweige denn ein eng verzahnter gemeinsamer Wirtschaftsraum wie die EU.

          Brexit-Vorkämpfer wie der Außenminister Boris Johnson sehen das Commonwealth als ein Vehikel für ihre Vision von einem prosperierenden „globalen Britannien“, das sein Glück in der großen weiten Welt statt im kleinen Europa suche. Der Beitritt zum EU-Binnenmarkt sei ein „Verrat“ an den alten Commonwealth-Partnern wie Australien und Neuseeland gewesen, beklagte Johnson. Er und andere Brexit-Befürworter argumentieren, Großbritannien könne nach dem Austritt eigene vorteilhafte Freihandelsverträge mit anderen Commonwealth-Staaten abschließen, weil das Land nicht mehr dem handelspolitischen Diktat aus Brüssel unterworfen sei.

          Ein Ersatz für die Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt kann der Commonwealth allerdings auf absehbare Zeit nicht sein. Der britische Handel mit dessen Mitgliedern macht nur einen Bruchteil des Geschäfts mit den europäischen Nachbarn aus: Mehr als 40 Prozent der britischen Exporte gehen in die Europäische Union – aber weniger als 10 Prozent in einen der 52 anderen Commonwealth-Staaten.

          Die angestrebte Vertiefung der Handelsbeziehungen stößt auf Hindernisse. Indien beispielsweise will seinen Markt nur dann stärker für britische Exporteure öffnen, wenn die Briten im Gegenzug mehr Einreisevisa für indische Arbeitnehmer erteilen. Australien wiederum pocht darauf, hormonbehandeltes Rindfleisch im Königreich verkaufen zu dürfen. Beides sind Forderungen, die in Großbritannien innenpolitisch kaum durchsetzbar wären.

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