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Großbritannien : Aufstand der Künstler

Kostenlos für alle Kunstliebhaber: die Tate Gallery of Modern Art Bild: AP

Die britische Regierung will die Kultursubventionen drastisch kürzen. Nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten sollen private Mäzene die Lücken schließen. Die Kunstelite des Landes macht derweil im Internet mobil gegen das Vorhaben.

          Es ist eine Liste der großen Namen: Damien Hirst ist dabei und der Bildhauer Anish Kapoor, Pop-Art-Maler David Hockney und die Objekt-Künstlerin Tracey Emin, außerdem die Fotografen Wolfgang Tillmanns und Juergen Teller. Rund hundert in Großbritannien arbeitende Künstler, darunter zahlreiche Stars des internationalen Kulturbetriebs, machen im Internet mobil gegen die Sparpläne der neuen Regierung in London. Auf einer Website mit dem alarmierenden Namen „Save the Arts“ (Rettet die Kunst) haben sie für ihre Kampagne bereits mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt. Die vitale Kulturszene des Landes sei „eine der großen britischen Erfolgsgeschichten in den vergangenen 20 Jahren“, heißt es in dem Aufruf. Aber das Streichkonzert der Regierung drohe diese zu zerstören.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Am 20. Oktober wird Finanzminister George Osborne seinen Sparkatalog der Öffentlichkeit vorstellen. Bis dahin wollen die prominenten Kunstaktivisten auf ihrer Homepage jede Woche einen künstlerischen Beitrag gegen die Kürzungen präsentieren. Rund 900 Millionen Pfund (1,07 Milliarden Euro) gab die Regierung vergangenes Jahr für die Förderung von Museen, Theatern, Orchestern und anderen Kultureinrichtungen aus. Zwar ist dieser Etat winzig im Vergleich zu Osbornes Haushaltsdefizit von 149 Milliarden Pfund, doch wenn an Sozialausgaben, Bildung und Verteidigung deutlich gespart wird, soll die Kunst keinen Sonderstatus bekommen. Es wird erwartet, dass Kulturminister Jeremy Hunt die Fördermittel um 25 bis 30 Prozent zusammenkürzt. Nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten sollen private Mäzene die Lücken schließen.

          Zentrum des globalen Kunstmarkts

          Während die Kunstszene mit dem Sparprogramm hadert, scheint die breite Bevölkerung die Regierungspläne zu unterstützen. Vielen Bürgern geht inzwischen die staatliche Kulturförderung zu weit. Das zeigt zumindest eine repräsentative Umfrage der Fondsgesellschaft Threadneedle, die zu den großen Kultursponsoren im Land zählt: Zwei Drittel der Briten befürworten demnach, dass die Bildende Kunst sich mehrheitlich privat finanzieren soll.

          Finanzminister George Osborne wird am 20. Oktober seinen Sparkatalog vorstellen

          Auch Simon Woods, der Geschäftsführer des achtzigköpfigen Royal Scottish National Orchestra in Glasgow, macht sich Sorgen. Er verfügt über ein Jahresbudget von 7,5 Millionen Pfund, und rund 60 Prozent seines Etats stammen aus staatlichen Subventionen - bisher jedenfalls. „Alle Orchester in Großbritannien sind in einer sehr gefährlichen Situation“, sagt Woods düster. Er hat wenig Hoffnung, auch nur eine Kürzung von 10 Prozent der staatlichen Unterstützung durch private Geldgeber ausgleichen zu können. „Wie sollen wir da 30 Prozent weniger Fördermittel mit mehr Mäzenatentum kompensieren? Das ist Phantasterei. Ich kenne im ganzen Kultursektor niemanden, der glaubt, dass das funktioniert.“ Werden die Sparzwänge dazu führen, dass die Besucher Londoner Kunsttempel wie der Tate Modern in Zukunft an manchen Wochentagen vor verschlossenen Türen stehen? Werden Theater und Orchester Aufführungen streichen? Noch steht die britische Kulturlandschaft in voller Blüte. Das alljährliche Edinburgh Festival ist mit 1,8 Millionen Besuchern das größte Kulturfest der Welt. Die Theater in der Londoner Innenstadt haben 2009 trotz Rezession über 14 Millionen Eintrittskarten verkauft und damit mehr denn je.

          London ist nach New York auch das zweitwichtigste Zentrum des globalen Kunstmarkts. Am 15. September 2008, genau an dem Tag, als Lehman Brothers zusammenbrach, versteigerte Damien Hirst hier über das Auktionshaus Sotheby's binnen 24 Stunden mehr als hundert neue Kunstwerke im Wert von 111 Millionen Pfund. Das gab es noch nie. Hirst, die Galionsfigur der seit den neunziger Jahren bekanntgewordenen Gruppe der „Young British Artists“, gilt neben dem Amerikaner Jeff Koons als der kommerziell erfolgreichste lebende Künstler.

          Die vielen Superlative gelten auch als ein Erfolg der im Frühjahr abgewählten linken Labour-Regierung, die den Kulturbetrieb seit Ende der neunziger Jahre reichlich bedacht hat. Der Arts Council, die zentrale Fördereinrichtung der Regierung, verteilt heute mehr als doppelt so viel Geld wie damals. Seit 2001 ist der Besuch aller nationalen Museen kostenlos, und zumindest daran will keine der großen Parteien etwas ändern.

          Die Kürzung sind eine Bedrohung

          „Es geht ein goldenes Zeitalter zu Ende“, sagt Colin Tweedy, Chef von Arts & Business (A&B) in London. Die vom Staat und großen britischen Unternehmen getragene Kulturagentur fungiert als Bindeglied zwischen Kunst und privatem Geld. Das spielt in Großbritannien schon heute eine viel größere Rolle als etwa in Deutschland. Erst vor wenigen Tagen hat der Supermarkt-Unternehmer John Sainsbury 25 Millionen Pfund für einen Erweiterungsbau des British Museum gespendet. In den fünf Jahren bis 2008 sind die privaten Zuwendungen für die Kunst in Großbritannien um die Hälfte gestiegen und machen heute laut A&B rund 15 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Aber im Rezessionsjahr 2009 sind sie um 5 Prozent geschrumpft.

          Auch Tweedy hält die Kürzung der staatlichen Subventionen für eine Bedrohung. „Die Erwartung der Regierung, dass private Geldgeber die Lücken schließen können, ist zwar realistisch, aber das geht nicht über Nacht, sondern wird mehrere Jahre dauern“, warnt der Kunstmanager. „Kleine und mittelgroße Kultureinrichtungen werden am meisten leiden, denn die tun sich schwerer, private Geldgeber zu finden.“ John Studzinski ist einer der großen Mäzene im Land. Der Londoner Manager des Finanzinvestors Blackstone spendet Millionen für die Kunst. Studzinski hat ebenfalls Zweifel. Er fordert ähnlich wie in Amerika einfache steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten für Kunstspenden und mahnt zur Geduld: „Der Übergang zu mehr Philanthropie muss ein evolutionärer Prozess sein“, sagt Studzinski. „Eine Revolution, wie sie die Regierung plant, wird es nicht geben.“

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