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Großbaustelle Les Halles : Paris ist nicht Stuttgart

Streitobjekt: Das Einkaufszentrum „Les Halles” wurde nie richtig angenommen. Nach zehn Jahren Planung wird es jetzt umgebaut Bild: AFP

Der „Bauch von Paris“, die Markthallen, ist ein Bauprojekt in großen Dimensionen. Nach mehr als zweihundert Bürgerversammlungen haben sich die Protestler nun zurückgezogen. Paris bekommt ein neues Dach.

          Die französische Hauptstadt doktert mal wieder an ihrer Magengegend herum. Der „Bauch von Paris“, als den Emile Zola 1873 die Markthallen im Herzen der Stadt beschrieb, wird einer neuen Operation unterzogen. Die letzte erfolgte in den siebziger Jahren, als man die Markthallen abriss, einen riesigen Krater in den Boden grub und dort das unterirdische Einkaufszentrum „Forum des Halles“ einschließlich Großbahnhof einpflanzte. „Doch die Bürger nahmen das Forum nie richtig an, es blieb gezeichnet von Polemik“, meint die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt, Anne Hidalgo, heute. Die sozialistische Politikerin treibt das Neubauprojekt der „Hallen“ im Auftrag von Bürgermeister Bertrand Delanoë voran. „Allein wegen der Sicherheitsbestimmungen, etwa im Hinblick auf eine Evakuierung im Fall eines Feuers, muss etwas geschehen“, meint Hidalgo.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Seit wenigen Wochen ist dieses „etwas“ im Bau. Kernstück ist ein geschwungenes, lamellenartiges Glasdach in der Größe eines Fußballfeldes, das künftig das Einkaufszentrum samt Bahnhof darunter überdecken soll. Die französischen Architekten Patrick Berger und Jacques Anziutti haben lange für diese technologische Innovation gekämpft, die Wind durchlassen, Regenwasser auffangen und vor UV-Strahlen schützen soll. Das riesige Dach, über dessen Farbton noch nicht entschieden ist, soll eine Einheit bilden zum aufgelockerten und durchlüfteten Garten Richtung alter Börse. Neben Geschäften und Cafés sind große öffentliche Räume für Bibliotheken, ein Konservatorium sowie Tanz-, Musik- und Theatergruppen vorgesehen. Ein Hip-Hop-Zentrum soll den zahlreichen Jugendlichen aus den Vorstädten zur Verfügung stehen, die sich täglich in der Hallengegend aufhalten. Auch eine Neugestaltung der Geschäftsflächen sowie der Verbindungsebene zwischen den drei S-Bahnen und den fünf Metrolinien ist vorgesehen. Bis 2016 sollen die Arbeiten dauern, gut 800 Millionen Euro sind als Budget vorgesehen.

          Mehr als zweihundert Bürgerversammlungen

          Doch es wäre eine Premiere, wenn der Zeit- und Kostenplan eines solchen Großprojektes eingehalten würde, vor allem in Paris. Heftig hat die Stadt über das vor einem Jahrzehnt gestartete Projekt gestritten. Nach zwei Bürgermeisterwahlen, mehr als zweihundert Bürgerversammlungen, einem gerichtlichen Baustopp, der später wieder aufgehoben wurde, sowie einem deutlichen Mehrheitsbeschluss des Stadtrats ist das Werk nun aber auf den Weg gebracht worden. Grüne Bretterzäune mit Informationstafeln umgeben jetzt den angrenzenden Park; dessen grüne Metallgerüste schon aus dem Boden gerissen wurden. Auch 250 Bäume sind bereits abgeholzt worden – ohne öffentlichen Aufschrei. Es gab zwar Widerstand von Anwohnern und Gegnern moderner Architektur. Doch Paris ist nicht Stuttgart. Hier kettet sich niemand an Baumstämme. Insgesamt sollen zwar 340 Bäume gefällt werden, aber dafür werden 383 neue gepflanzt. Damit geben sich die meisten Pariser zufrieden. Was wäre die Stadt auch ohne architektonischen Ehrgeiz? „Wir wollen nicht in der Architektur des 19. Jahrhundert stecken bleiben“, sagte die Vizebürgermeisterin Hidalgo. Die Widerständler haben zum großen Teil aufgegeben. „Wir sind die letzten Überlebenden“, räumt Elisabeth Bourguinat von der Protestgruppe „Accomplir“ ein. Die Organisation hat noch 130 Mitglieder; laut Hidalgo sind es 30.

          Baubeginn nach zehnjähriger Planung: der Bauch von Paris

          Auch die finanziellen Gegenargumente haben die Befürworter weitgehend beiseite geschoben. In einer komplizierten Transaktion hat sich die Stadt Paris mit der Immobiliengesellschaft Unibail-Rodamco und dem Versicherer Axa auf eine langfristig gültige Trennung von privaten und öffentlichen Flächen geeinigt. Bis vor kurzem besaßen Unibail und Axa einen Pachtvertrag, der bis 2055 lief. Dieser Vertrag war hochlukrativ, denn für eines der größten Einkaufszentren Europas zahlten die Pächter an die Stadt jährlich nur 1,8 Millionen Euro Miete. Für die 60.000 Quadratmeter Verkaufsfläche auf fünf Etagen, die täglich von 150.000 Menschen frequentiert werden, entspricht dies dem lächerlichen Quadratmeterpreis von 30 Euro.

          Ein Denkmal für den Bürgermeister

          An die Geschäfte haben die Pächter diese Flächen dem Vernehmen nach für mehrere tausend Euro je Quadratmeter weitervermietet. Die Stadtverwaltung brauchte daher 2,5 Jahre, um den Pächtern einen neuen Vertrag abzuverhandeln. Die kommerziellen Flächen sind nun komplett ins Eigentum von Unibail und Axa übergegangen, während die Stadt sich langfristig den Zugriff auf die öffentlichen Flächen gesichert hat. 263 Millionen Euro bezahlen die Immobiliengesellschaften nach eigenen Angaben an die Stadt. Diese kann das Geld brauchen, denn die veranschlagten 800 Millionen Euro Baukosten verschlingen die Hälfte des jährlichen Investitionsbudgets von Paris. Die Protestorganisation „Accomplir“ ist freilich empört, denn ihrer Ansicht nach hat die Stadt das Eigentum an dem attraktiven Einkaufszentrum für immer „verschleudert“. Ein Gerichtsverfahren läuft noch.

          Doch die Gegner kämpfen eine verlorene Schlacht. Das liegt auch daran, dass niemand das inzwischen vergammelte Einkaufszentrum mit seinen weißgrauen Stahlbögen, verschmutzten Glasscheiben und seinem von Hecken kleinteilig durchschnittenen Garten gerne mag. Abends gilt die Gegend als unsicher, weil zweifelhafte Gestalten dort herumlungern. Ob das besser wird, ist natürlich ungewiss, zumal das Viertel im Zentrum von Paris immer sozial sehr durchmischt war. Die sozialistische Stadtregierung will auch niemanden aus sozial schwachen Schichten ausgrenzen. Und natürlich möchte sich Bürgermeister Delanoë mit dem Neubau ein Wahrzeichen setzen. Doch war das nicht immer so in der Pariser Stadtgeschichte, sagen sich viele Bewohner. Wie gesagt, Paris ist nicht Stuttgart.

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