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Versandhandel von Medikamenten : Gröhe knickt ein

  • -Aktualisiert am

Der Gesundheitsminister will den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln verbieten - und damit den Freihandel. Nicht mal eine Schamfrist hat er eingehalten.

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          Nur eine Woche haben die Apotheker gebraucht, um Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) auf Linie zu bringen. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zugunsten von mehr Freizügigkeit im Versandhandel wird kassiert und in sein Gegenteil verkehrt: Statt mehr soll es gar keinen Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln mehr geben. Nach jahrelangem Streit hatten die Europarichter der in den Niederlanden sitzenden Versandapotheke Doc Morris erlaubt, deutschen Kunden Rabatte zu gewähren, wenn diese ihre Rezepte dort einlösen. Die in Deutschland geltende Preisbindung für Arzneimittel tasteten sie dabei nicht an. Den Rabatt für Kunden und Kassen darf nur die ausländische Apotheke gewähren.

          Aber das wird sie wohl nicht mehr lange dürfen. Gröhe will den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneien verbieten. Das Argument dafür liefern ihm die Apotheker frei Haus. Es heißt: Mehr Wettbewerb triebe manche Apotheke in den Ruin, die „flächendeckende Versorgung“ wäre gefährdet. Dieses Argument war allerdings auch den Europarichtern vorgetragen worden. Sie haben dafür aber keine Belege gefunden. Umso erstaunlicher wäre, wenn die Regierung gerade hiermit einen so weitreichenden Eingriff begründete. Nicht zuletzt gilt das auch vor dem Hintergrund, dass der heute (wenn auch ohne Rabatte) erlaubte Versandhandel weniger als drei Prozent des gesamten Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Arzneien ausmacht. Patienten beraten und einen sicheren Transport können die Internetapotheken zudem ebenso gewährleisten wie die Apotheke am Ort.

          Es bleibt also nur die große Angst vor der Kampagnenmacht der Apotheker im Wahljahr 2017, die Gröhe einknicken lässt. Dass er nicht mal eine Schamfrist („Wir müssen das Urteil erst einmal auswerten“) hat verstreichen lassen, spricht Bände. Wohl selten hat eine Gruppe so schnell ihre wirtschaftlichen Schutzinteressen zu Lasten Dritter durchgedrückt. Die Bundesregierung schickt sich nun also an, den vom Europäischen Gerichtshof mit Verweis auf die Europäischen Verträge verordneten Freihandel zu verbieten. Abgesehen von den Risiken und Nebenwirkungen für Patienten und Kunden, die gern beim Versandhändler bestellen und denen diese Freiheit genommen werden soll - wer soll der Kanzlerin und ihrem Kabinett ihr politisches Eintreten für Freizügigkeit in Europa künftig noch abnehmen?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

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