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Griechenland : Ökonomen: Umschuldung für Athen reicht nicht aus

Es gebe erhebliche Risiken für „Unfälle“, heißt es in der internen Analyse der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF). Bild: dpa

Griechenland bekommt einen beträchtlichen Teil seiner Schulden erlassen und bald Milliarden aus dem zweiten Rettungspaket ausbezahlt. Nach Ansicht zahlreicher Wirtschaftswissenschaftler wird das aber nicht reichen - aus vielerlei Gründen.

          Wirtschaftswissenschaftler bleiben auch nach dem Beschluss über den Schuldenschnitt für Griechenland und das zweite Hilfspaket über 130 Milliarden Euro skeptisch. „Die vorliegenden Zahlen machen klar, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass Griechenland ohne weiteren Schuldenerlass zu einer tragfähigen Situation zurückfindet“, sagte Clemens Fuest, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Szenario der sogenannten Troika, die Griechenlands Schuldenquote bis 2020 bei gut 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen sehe, beruhe auf extrem optimistischen Annahmen.

          „Griechenland dürfte weitere Hilfen benötigen“

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Es gebe erhebliche Risiken für „Unfälle“, heißt es in der internen Analyse der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF). „Das Land dürfte weitere Hilfen benötigen“, sagte auch der Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. Wenn die Wirtschaft schwächer wachse und die Zinsen höher seien als im Hauptszenario angenommen, läge die Schuldenquote Ende des Jahrzehnts bei 129 Prozent. Fuest hält sogar das vom IWF erwähnte pessimistische Szenario mit einer Schuldenquote von 160 Prozent für plausibel. „Völlig unrealistisch“ sei, dass sich Griechenland von 2015 an Geld am privaten Kapitalmarkt leihen könne.

          “Die beiden Rettungspakete waren vor allem Rettungspakete für die Banken, die von allen beteiligten Gruppen die geringsten Verluste hinnehmen mussten“, sagte der Essener Makroökonom Ansgar Belke der F.A.Z. „Griechenlands Schuldenlast selbst wurde nur unzureichend gesenkt. Gleichzeitig wurden die griechischen Schulden fast alle auf öffentliche Träger verlagert.“ Diese trügen nun das Hauptrisiko weiterer Schuldenschnitte.

          Mangel an wettbewerbsfähigen Industrien

          Der Genfer Makroökonom Harald Hau warnte vor eine Katastrophe für die Steuerzahler. Mit dem jetzigen Schuldenschnitt habe man nur Zeit gewonnen, er reiche nicht aus. Fuest warnte aber davor, schon jetzt weitere Konzessionen zu machen. Die Finanzhilfen sollten nur ausgezahlt werden, wenn Athen vereinbarte Reformen vorantreibe. Es bestehe die Gefahr, dass die neue griechische Regierung, die im April gewählt wird, den Reformkurs aufweiche. Dann müssten die Europäer die Hilfen stoppen, die Folge wäre ein griechischer Staatsbankrott und ein Austritt aus der Währungsunion.

          Wie das Athener Statistikamt Elstat am Freitag bekanntgab, ist die hellenische Wirtschaft im vergangenen Jahr noch stärker eingebrochen als befürchtet. Im vierten Quartal schrumpfte das BIP im Jahresvergleich um 7,5 Prozent. Seit Beginn der Rezession im Jahr 2009 ist Griechenlands Wirtschaftsleistung schon um mehr als 15 Prozent gesunken. Noch immer hat es aber ein sehr hohes Leistungsbilanzdefizit von zuletzt gut 8 Prozent, weil es mehr importiert als exportiert. Dem Land fehlen wettbewerbsfähige Industrien. Mögliche Devisenbringer seien die Logistikbranche mit der Schifffahrt, der Tourismus und die Landwirtschaft, sagte Belke. Die Wirtschaftsstruktur sei aber insgesamt stark von Niedrigtechnologie und einfachen Dienstleistungen geprägt.

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