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Griechenland-Krise : Denn sie wissen nicht, was sie tun

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Die Frage, ob die griechische Regierung den laufenden Monat finanziell übersteht, beantwortet Ministerpräsident Tsipras in Interviews nur noch ausweichend. Das Geld in Griechenland ist mittlerweile offenbar so knapp, dass der Regierungschef 90 Prozent seiner Zeit damit verbringt, sich um akute Liquiditätssorgen zu kümmern. Am vergangenen Donnerstag bat er EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker um ein kurzfristiges Treffen, das Juncker verweigerte. Parallel versucht Tsipras, die Europäische Zentralbank unter Druck zu setzen. Dabei gebraucht er drastische Worte: „Die EZB hält immer noch das Seil, das um unseren Hals liegt“, sagte er dem „Spiegel“.

Überfordert: Giannis Varoufakis und Alexis Tsipras.

Ganz wie James Dean in dem amerikanischen Halbstarken-Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ aus dem Jahr 1955 spielen Varoufakis und Tsipras mit Europa ein „Chicken Game“. Wer als Erster aus dem fahrenden Auto springt, das auf den Abgrund zurast, hat verloren. Am Ende könnte es für die Griechen so ausgehen wie für Deans unglücklichen Rivalen im Film: Beim Rausspringen bleiben sie hängen und stürzen dann quasi per Unfall in die Schlucht – Graccident.

Mit ihrem unberechenbaren Verhalten verscherzt es sich die griechische Regierung auch mit denen, die den Griechen eigentlich eher wohlwollend gegenüberstanden. So ist man in der Europäischen Zentralbank extrem genervt über den griechischen Glauben, dass Regeln nur eine Art von konstruierter Realität seien – und dass man sie jederzeit brechen oder aufweichen könne, wenn man nur genug Druck macht. „Die griechische Regierung muss wie jede andere akzeptieren, dass Europa eine regelbasierte Gemeinschaft ist“, sagt EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré.

Europäische Zentralbank: „Wir stehen bereit“

Die griechischen Wünsche nach noch mehr Notfallgeld – jetzt sogar ganz offen, um den Staat kurzfristig zu finanzieren – weist Cœuré zurück. Die EZB habe ihre Rolle als Zentralbank von Griechenland gespielt, indem sie die Finanzierung des Eurosystems für die griechische Wirtschaft verdoppelt hat. „Aber alles, was wir entscheiden, geschieht in einem Gesetzesrahmen – und uns ist es nicht erlaubt, Regierungen zu finanzieren.“ Unter den Geldgebern macht sich die Ansicht breit, dass man mit Varoufakis nicht weiterkomme.

Auch die Griechen selbst, die Varoufakis lange als ihren verrückten Helden feierten, sind beunruhigt. „Ich sorge mich sehr, dass unserer Regierung die guten Ideen ausgehen, wie man mit den Verhandlungen weitermacht“, sagt etwa Aristos Doxiadis, ein griechischer Ökonom und Finanzier diverser Start-up-Firmen. Derzeit findet noch mehr als die Hälfte der Griechen gut, was die Regierung macht. Aber die Zustimmung ist in den vergangenen Wochen stark gesunken.

So schnell hat noch kaum eine Regierung in Europa ihren Kredit verspielt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Hoffnung ist, dass Tsipras angesichts dieser Lage doch noch einlenkt – und sich als ersten Schritt in die Bücher schauen lässt. Die EZB wünscht sich nichts mehr als das. „Wir stehen bereit, unsere Fachleute nach Athen zu senden, um die Zahlen und Probleme sofort anzuschauen“, sagt Cœuré. „Wir wünschen uns, dass die griechische Regierung diesem Plan am Montag zustimmt.“

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