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Grenzen des Marktes : Nicht alles sollte für Geld zu haben sein

Bild: Thilo Rothacker

Für Geld bekommt man heute fast alles. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Einige Dinge aber sollten besser nicht handelbar sein. Sie verlieren sonst ihre Würde. Aber wo hat der Kommerz seine Grenzen?

          Wenige Dinge werden so verteufelt wie die Kommerzialisierung. Dabei kann das Prinzip, für eine Sache Geld zu verlangen, überaus segensreich sein. Bestes Beispiel ist das Wasser in vielen Entwicklungsländern: Wo es kostenlos abgegeben wird, führt das zur Verschwendung. Und niemand investiert in neue Rohre und Leitungen. Wo es aber gelingt, für Wasser Geld zu nehmen, funktioniert die Wasserversorgung auffällig besser.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ökonomen sagen, es entsteht ein Markt mit Angebot, Nachfrage und einem Preis - das führt zu einer effizienteren Nutzung knapper Ressourcen wie Wasser. In ganz vielen Bereichen des Lebens ist das so.

          Gleichwohl wirft der Siegeszug dieses Markt-Prinzips die Frage nach den Grenzen auf - nach den Dingen, die man für Geld nicht kaufen können soll. „Moralische Grenzen von Märkten“ hat der Havard-Professor Michael Sandel diese Grenzfälle der Ökonomie in seinem jüngsten Buch „What money can’t buy“ genannt. Die Entscheidung darüber ist oft nicht einfach.

          Relativ leicht werden selbst die hartgesottensten Anhänger des Markt-Prinzips zustimmen, dass man Menschen nicht für Geld kaufen können soll. Es war zweifellos eine Errungenschaft der Zivilisation, dass die Sklaverei abgeschafft wurde. Das Prinzip der Menschenwürde schlägt das Markt-Prinzip.

          Komplizierter wird es dann schon bei Teilen von Menschen. Der Göttinger Organspende-Skandal hat gerade wieder die Aufmerksamkeit auf den gewaltigen Mangel an Spenderorganen für Transplantationen gelenkt. 40.000 Menschen in Europa warten auf eine Niere. Es gibt zu wenige. Organhandel ist verboten, die Verteilung von Spenderorganen funktioniert über eine Warteliste. Allerdings sterben viele Patienten, bevor sie drankommen.

          Zwei Gründe gegen den Kommerz

          Kein Wunder, dass sich ein Schwarzmarkt entwickelt hat. Wenn man bereit ist, Geld zu zahlen, kommt man offenkundig leichter an Organe. Sollte man daraus schließen, dass man alle moralischen Bedenken beiseite schieben und den Markt für Organe legalisieren sollte? Es gibt Gesundheitsökonomen, die das vorschlagen. Immerhin könnte man so möglicherweise Tausende von Leben retten, wenn Menschen eher bereit sind, eine Niere zu spenden, weil sie Geld bekommen.

          Zwei Gründe führt Havard-Professor Sandel dagegen an, dass man alles für Geld kaufen können soll - und sie lassen sich auch auf diesen Fall übertragen. Der eine ist der „Verteilungs“-Grund: Wenn wirklich alles über Geld verteilt würde, auch die letzten Dinge, wären Arme noch weitaus schlechter dran als jetzt. Wenn Geld entscheiden würde, wer sich eine neue Niere oder gar ein neues Herz leisten kann, würde letztlich sogar das Recht auf Leben nach dem persönlichen Vermögen verteilt.

          Der andere Grund ist eine seltsame Rückwirkung, die das Bepreisen und Handeln von Dingen auf Märkten auf die Dinge selbst haben können: Unter Umständen verlieren sie ihre Würde - und die Menschen ihren Respekt vor ihnen. So etwas könnte mit den Organen passieren, wenn sie käuflich werden. Wie bei anderen Dingen auch: Man denke an Polizeiautos, die mit Werbung zugepflastert sind, wie das in Amerika im Gespräch war. Wer würde eine solche Polizei noch ernst nehmen? Und: Kann eine solche Polizei tatsächlich noch unbefangen einen Unternehmer verhaften, dessen Firma auf der Fahrertür wirbt?

          Selbst, wer bei Polizeiautos mit Werbung keine Bedenken hätte, wäre sicherlich dagegen, dass man Stimmen bei einer Wahl für Geld kaufen kann. Die Würde einer Regierung, ja eines Staates ist dahin, wenn ihre konstituierende Veranstaltung käuflich wird. Es ist nichts Geringeres als das Prinzip der Demokratie, das hier das Markt-Prinzip schlägt: Jeder soll bei einer Wahl mit seiner Stimme die gleiche Möglichkeit haben, über die künftige Politik im Staat mitzuentscheiden - und zwar gerade unabhängig von seinem Vermögen.

          Der „Crowding out“-Effekt beim Bluthandel

          Es gibt sogar Fälle, in denen die Einführung eines Preises für Dinge dazu führt, dass weniger angeboten wird. Ökonomen sprechen von „Crowding out“, einer unerwünschten Verdrängung von moralischem durch marktmäßiges Verhalten. Als Musterbeispiel gilt der Bluthandel: Ein Vergleich des Sozialforschers Richard Titmuss 1970 zwischen England, wo Blutkonserven nur von freiwilligen Spendern kamen, und Amerika, wo dafür gezahlt wurde, zeigte: Das System in England klappte besser. Die Mittelschicht in Amerika fühlte sich offenbar nicht mehr moralisch verpflichtet, Blut zu spenden, weil das ja kommerziell geregelt war. Menge und Qualität des gespendeten Blutes nahmen ab. Was für ein Rückschritt!

          • Menschliche Organe: 70.000 Euro für eine Niere?

          Der Organspende-Skandal hat die Diskussion wieder aufgebracht: Bei Organen für Transplantationen gibt es erheblich mehr Nachfrage als Angebot. 12 000 Menschen warten allein in Deutschland auf eine Niere – viele sterben, bevor sie drankommen. Es gibt Ökonomen, die vorschlagen, den heute illegalen Handel mit Organen zu legalisieren. Auf dem Schwarzmarkt werden Nieren für 50 000 bis 70 000 Euro angeboten – es soll auch Fälle geben, in denen Organempfänger den Spendern Erbschaften in Aussicht stellen.

          Würde dieser Handel legalisiert, hätte das vermutlich zwei Folgen: Mehr Menschen würden Organe spenden, weil es Geld dafür gibt. Zugleich würde der Preis gegenüber dem Schwarzmarkt sinken. Es könnten also mehr Leben gerettet werden. Bislang ist allerdings herrschende Auffassung unter Juristen, dass Organhandel gegen Geld mit der Menschenwürde unvereinbar ist. Arme Menschen könnten gedrängt sein, aus Not ihre Organe zu verkaufen. Heikel wäre auch, wenn sich nur noch Reiche neue Nieren leisten könnten. Das allerdings könnte man verhindern, wenn die Krankenkasse die Kosten für den Organkauf übernimmt.

          • Der Staat: 750 Millionen Dollar für Wählerstimmen?

          Geld wird bei Wahlen immer wichtiger. Besonders auffällig ist das in Amerika: Dort wird der Wahlkampf gerade wieder zur Materialschlacht. Sie konzentriert sich vor allem auf die sogenannten „Battle States“ – jene Staaten, in denen mal die Republikaner, mal die Demokraten gewinnen. Für diese Schlacht bekommen die Kandidaten gewaltige Summen an Spenden: Immerhin 750 Millionen Dollar standen Barack Obama beim letzten Wahlkampf zur Verfügung, etwa drei Dollar je Wähler. Herausforderer John McCain brachte es „nur“ auf 450 Millionen Dollar. Bereits jetzt ist absehbar, dass der gegenwärtige Wahlkampf wieder alle Rekorde brechen dürfte.

          Ist das schlimm? Man könnte argumentieren, auch Parteien müssen sich irgendwie finanzieren, ein hohes Spendenaufkommen schont den Geldbeutel des Steuerzahlers. Zugleich kann man sich aber vermutlich relativ leicht darauf verständigen, dass es dem Prinzip einer demokratischen Wahl widerspricht, wenn das Geld, das jemand zur Verfügung hat, über die Zahl der Wählerstimmen entscheidet.

          Die Idee der demokratischen Wahl ist schließlich, dass jeder den gleichen Einfluss auf die künftige Politik haben soll, unabhängig von seinem Geldbeutel. Bei Wahlen soll das Prinzip der Demokratie gelten – nicht das Marktprinzip. Doch je aufwendiger eine Wahlkampagne ist, desto leichter erreichen die politischen Argumente den Wähler. Der finanzielle Einsatz kann die Wahl beeinflussen.

          In Deutschland erhielt die Debatte um die Käuflichkeit von Politik und Staat neuen Auftrieb durch die Vorgänge um den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff. Das ganze Land empörte sich. In Erinnerung geblieben ist vor allem ein Satz des Filmunternehmers David Groenewold aus der Zeit, als Wulff noch Ministerpräsident in Niedersachsen war: „Ich sehe jetzt den Ministerpräsidenten. Soll ich etwas plazieren?“ Das klang sehr nach Käuflichkeit der Politik.

          • Geschützte Tiere: 150.000 Dollar für eine Nashornjagd?

          Für 150.000 Dollar kann man in Südafrika Jagd auf eines der vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner machen. Die geschützte Tierart darf zwar eigentlich nicht geschossen werden. Die Regierung hat aber Ranchern, die sich um die Tiere kümmern, den Verkauf von begrenzten Jagdrechten erlaubt.

          Die Idee: Zwischen 1970 und 1992 sank die Population dieser Nashörner in Afrika von 65 000 auf weniger als 2500. Obwohl die Jagd verboten war, waren die meisten afrikanischen Regierungen nicht in der Lage, die Tiere vor Wilddieben zu schützten. Südafrika ließ deshalb den Verkauf einer begrenzten Zahl von Nashorn-Jagden zu, um privaten Ranchern einen Anreiz zu geben, besser auf die wertvollen Tiere aufzupassen und ihnen Lebensraum zur Verfügung zu stellen. Angeblich funktionierte das Ganze, wie Michael Sandel in dem Buch „What Money can’t buy“ schreibt. Zumindest ging die Population weniger stark zurück als in Kenia, wo die Jagd verboten ist, aber der Lebensraum für die Nashörner schwindet. Für die Nashornjagd wurde damit geworben, dass man ein unvergleichbares Erlebnis habe und zugleich etwas Gutes für den Bestand der Nashörner tue. Trotzdem bleibt ein komisches Gefühl dabei: reiche Russen, die einen Kick brauchen (solche gehörten zu den Jägern), für viel Geld geschützte Tiere abschießen zu lassen.

          • Leben und Tod: 200 Millionen Euro für Wetten auf die Restlebenszeit von Menschen?

          Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat kurz vor seinem Ausscheiden bei der Deutschen Bank noch mit einer umstrittenen Praxis aufgeräumt: Die Bank zahlt Anleger eines Fonds namens „Kompass Life 3“ aus, mit dem man auf die Restlebenszeit von Menschen wetten konnte. Der Fonds (Volumen: 200 Millionen Euro) war der umstrittenste von drei Lebensversicherungsfonds der Bank. Normalerweise kaufen solche Fonds die Lebensversicherungen von Menschen auf, die Geld brauchen, um nach deren Tod die Versicherungsprämie zu kassieren. Das ist ein Geschäft, das makaber klingt, von dem aber beide Seiten profitieren. Schließlich ist es sonst manchmal gar nicht so einfach, eine Lebensversicherung ohne Verluste wieder aufzulösen.

          Bei „Kompass Life 3“ jedoch war es anders. Dieser Fonds arbeitete gar nicht mit echten Lebensversicherungen. Vielmehr investierten die Anleger in ein Zertifikat, in dem lediglich fiktive Lebensversicherungen für 500 reale Menschen verpackt wurden, die in Amerika leben. Diese Personen im Alter von 70 bis 90 Jahren wurden tatsächlich ausgewählt und regelmäßig von einer „Tracking Company“ kontaktiert. Zu Anfang der Laufzeit des Wertpapiers wurde ein Gutachten über deren Gesundheitszustand und ihre voraussichtliche Restlebenszeit anhand der Sterbetafeln erstellt. Wie lange die Menschen dann tatsächlich lebten, entschied über die weitere Wertentwicklung des Wertpapiers. Somit war es gleichsam eine Wette auf den Tod realer Menschen: Je eher die Personen starben, desto größer war der Gewinn der Anleger.

          Als Grund für den Ausstieg gab die Deutsche Bank die „öffentliche Diskussion“ über die ethische Vertretbarkeit des Produktes an. Immerhin war sogar aus der Bankenbranche selbst Kritik gekommen: Das Fondskonzept sei mit der Unantastbarkeit der menschlichen Würde kaum in Einklang zu bringen, stellte die Ombudsstelle des Bundesverbands deutscher Banken fest. Und mal ehrlich: Wenn man das hört, wäre man dann nicht fast geneigt, bei Occupy einzutreten?

          • Unsere Kinder: 1600 Dollar für Werbung auf Zeugnissen?

          Lange Zeit hatte die Werbung die Zielgruppe Kinder weitgehend in Ruhe gelassen. Als die „Sesamstraße“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch die wichtigste Kindersendung war, da störte kein Werbeblock die Dialoge von Ernie und Bert. Heute ist das anders: Zwischen den Trickfilmen bei RTL II werden auch kleine Zuschauer schon mit aggressiver Werbung konfrontiert. Was gibt es für Lebensmittelkonzerne auch Besseres, als potentielle Kunden bereits im Kleinkindalter auf die richtige Pudding-Marke zu konditionieren? Wenn die Kleinen im Supermarkt dann an der richtigen Stelle „Will ich auch“ schreien, ist das Ziel erreicht. Noch ausgeklügeltere Werbekonzepte, wie das um Katze „Hello Kitty“, verbinden kleine Zeichentrickfilme mit unzähligen Produkten, auf denen das Motiv wiederauftaucht – vom Lutscher über T-Shirts bis zur Kinderküche.

          Mit Werbung in der Krippe, im Kindergarten und in der Schule ist Deutschland bislang noch vergleichsweise zurückhaltend. In Amerika hingegen gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, wohin auch hierzulande die Reise gehen könnte. So soll McDonald’s in einer Grundschule in Florida für 1600 Dollar Werbefläche auf „Report Cards“ (ähnlich unseren Zeugnissen) gekauft haben. Kinder, die besonders gute Noten hatten, konnten zudem ein „Happy Meal“ im Schnellrestaurant gewinnen. Ein findiger Unternehmer namens Chris Whittle hatte bereits 1989 amerikanische Schulen kostenlos mit Fernseher, Videoausrüstung und Satellitenanschluss versorgt, wenn die Lehrer sich im Gegenzug verpflichteten, täglich ein zwölfminütiges Fernsehprogramm mit Werbeblocks vor ihren Schülern abzuspielen.

          Die Abwägung bei all diesen Fällen: Werbung in Einrichtungen für Kinder sorgt für zusätzliche Mittel. Damit könnte man zum Beispiel die Betreuung verbessern und mehr Plätze schaffen. Zugleich aber liefert man wehrlose Kinder der Manipulation von Werbestrategen aus. Was mögen verantwortungsvolle Eltern sagen, die ihren Kindern zu Hause Werbefernsehen verbieten, wenn die Kleinen im Kindergarten oder in der Grundschule damit umso ausgiebiger bespielt werden?

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