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Grenzen des Marktes : Nicht alles sollte für Geld zu haben sein

Bei „Kompass Life 3“ jedoch war es anders. Dieser Fonds arbeitete gar nicht mit echten Lebensversicherungen. Vielmehr investierten die Anleger in ein Zertifikat, in dem lediglich fiktive Lebensversicherungen für 500 reale Menschen verpackt wurden, die in Amerika leben. Diese Personen im Alter von 70 bis 90 Jahren wurden tatsächlich ausgewählt und regelmäßig von einer „Tracking Company“ kontaktiert. Zu Anfang der Laufzeit des Wertpapiers wurde ein Gutachten über deren Gesundheitszustand und ihre voraussichtliche Restlebenszeit anhand der Sterbetafeln erstellt. Wie lange die Menschen dann tatsächlich lebten, entschied über die weitere Wertentwicklung des Wertpapiers. Somit war es gleichsam eine Wette auf den Tod realer Menschen: Je eher die Personen starben, desto größer war der Gewinn der Anleger.

Als Grund für den Ausstieg gab die Deutsche Bank die „öffentliche Diskussion“ über die ethische Vertretbarkeit des Produktes an. Immerhin war sogar aus der Bankenbranche selbst Kritik gekommen: Das Fondskonzept sei mit der Unantastbarkeit der menschlichen Würde kaum in Einklang zu bringen, stellte die Ombudsstelle des Bundesverbands deutscher Banken fest. Und mal ehrlich: Wenn man das hört, wäre man dann nicht fast geneigt, bei Occupy einzutreten?

  • Unsere Kinder: 1600 Dollar für Werbung auf Zeugnissen?

Lange Zeit hatte die Werbung die Zielgruppe Kinder weitgehend in Ruhe gelassen. Als die „Sesamstraße“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch die wichtigste Kindersendung war, da störte kein Werbeblock die Dialoge von Ernie und Bert. Heute ist das anders: Zwischen den Trickfilmen bei RTL II werden auch kleine Zuschauer schon mit aggressiver Werbung konfrontiert. Was gibt es für Lebensmittelkonzerne auch Besseres, als potentielle Kunden bereits im Kleinkindalter auf die richtige Pudding-Marke zu konditionieren? Wenn die Kleinen im Supermarkt dann an der richtigen Stelle „Will ich auch“ schreien, ist das Ziel erreicht. Noch ausgeklügeltere Werbekonzepte, wie das um Katze „Hello Kitty“, verbinden kleine Zeichentrickfilme mit unzähligen Produkten, auf denen das Motiv wiederauftaucht – vom Lutscher über T-Shirts bis zur Kinderküche.

Mit Werbung in der Krippe, im Kindergarten und in der Schule ist Deutschland bislang noch vergleichsweise zurückhaltend. In Amerika hingegen gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, wohin auch hierzulande die Reise gehen könnte. So soll McDonald’s in einer Grundschule in Florida für 1600 Dollar Werbefläche auf „Report Cards“ (ähnlich unseren Zeugnissen) gekauft haben. Kinder, die besonders gute Noten hatten, konnten zudem ein „Happy Meal“ im Schnellrestaurant gewinnen. Ein findiger Unternehmer namens Chris Whittle hatte bereits 1989 amerikanische Schulen kostenlos mit Fernseher, Videoausrüstung und Satellitenanschluss versorgt, wenn die Lehrer sich im Gegenzug verpflichteten, täglich ein zwölfminütiges Fernsehprogramm mit Werbeblocks vor ihren Schülern abzuspielen.

Die Abwägung bei all diesen Fällen: Werbung in Einrichtungen für Kinder sorgt für zusätzliche Mittel. Damit könnte man zum Beispiel die Betreuung verbessern und mehr Plätze schaffen. Zugleich aber liefert man wehrlose Kinder der Manipulation von Werbestrategen aus. Was mögen verantwortungsvolle Eltern sagen, die ihren Kindern zu Hause Werbefernsehen verbieten, wenn die Kleinen im Kindergarten oder in der Grundschule damit umso ausgiebiger bespielt werden?

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