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Grameen-Bank : Die Bank der Armen

Die Grameen-Banker suchen sich auch in entlegenen Dörfern Kundinnen Bild: REUTERS

Manchmal braucht eine Bäuerin nur eine motorbetriebene Egge, um ihr Reisfeld etwas profitabeler bewirtschaften und dann Geld sparen zu können. Dann verändert ein Kredit über 187 Euro von der Grameen-Bank schon das Leben einer ganzen Familie.

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          Frau Irangani hat kein Telefon. Sie hat kein Fernsehen, kein Radio, und der Weg in den Marktflecken Dambulla im Hochland Sri Lankas dauert zu Fuß mehr als eine Stunde. Es dürfte ein paar Tage dauern, bis Irangani davon erfährt, daß im gut 8000 Kilometer entfernten Oslo ein Professor namens Muhammad Yunus einen Preis erhalten hat.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Und wenn sie es denn je erfährt, ist nicht sicher, daß sie ahnt, daß auch ihr ein kleines Stückchen dieses Preises gebührt. Denn Iragani ist eine von Millionen von Armen auf der Erde, ohne deren Arbeit, Kreativität und Verläßlichkeit Yunus' Idee sich niemals hätte durchsetzen können.

          „Es wird ein anderes Leben“

          Wie eine Welle hat sich das vor dreißig Jahren entwickelte Konzept des Finanzfachmanns aus Bangladesch verbreitet. Es ist schlicht, aber es funktioniert: Gib den Armen ein paar Dollar, und sie werden ihr eigenes Geschäft aufbauen, Geld verdienen und damit zuerst ihre Kredite zurückzahlen, und sich dann Schritt für Schritt aus der Armut befreien. Das sei ein wichtiger Beitrag für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung „von unten“ sowie der Befreiung der Frau, heißt es daher in der Begründung des Nobelpreiskomitees.

          Zimmermann Anil Sutradhr eröffnete mit einem Kredit der Grameen-Bank einen eigenen Betrieb

          Angefangen hat Yunus 1976 in Bangladesch. Doch längst arbeiten Finanzinstitutionen auf der ganzen Welt nach seinem Konzept. Deshalb hat auch Bäuerin Irangani auf Sri Lanka einen Scheck über 25.000 Rupien (187 Euro) erhalten. Einen Scheck, mit dem sie endlich eine Motoregge kaufen kann, die die Familie dringend braucht. „Es wird ein anderes Leben. Die Egge wird uns entlasten“, sagt Irangani. Zurückzahlen wird sie das Geld, wenn ihre Familie Süßkartoffeln und Reis geerntet haben.

          „In jedem Menschen schlummert ein Unternehmer“

          Während China zur Zeit den größten Börsengang der Welt erlebt, der Aktienindex in Indien von Rekord zu Rekord eilt, lenkt der Nobelpreis die internationale Aufmerksamkeit auf ein ganz anderes Asien, auf die Welt der Armen. Fast 90 Prozent der Menschen in Südasien müssen ihr Leben mit weniger als zwei Dollar täglich fristen. In Südostasien liegt der Anteil bei fast 60 Prozent, in Ostasien bei 50 Prozent. Es ist die Welt, an der die Globalisierung fast spurlos vorübergegangen ist.

          „Wir wollen ihnen Hilfe zur Selbsthilfe geben“, sagt Muhammad Yunus. Deshalb hat der Professor aus Chittagong im Süden Bangladeschs die Grameen-Bank („Dorf-Bank“) gegründet. Sie verleiht nicht nur Geld, sondern auch Würde. Wer eine Idee hat, sie finanziert bekommt und zum Erfolg führt, der gewinnt Selbstbewußtsein und motiviert andere und baut sein Geschäft weiter aus. „Mein Ansatzpunkt ist derjenige, daß in jedem Menschen ein Unternehmer schlummert. Einige sind so glücklich, es beweisen zu dürfen. Andere nicht. Dank eines Kredites hat jeder die Gelegenheit, herauszufinden, was in ihm ruht“, sagt Yunus.

          Dorfgemeinschaft sorgt für hohe Zahlungsmoral

          Zu Beginn genügen oft ein paar Dollar. Egal ob es ein Webstuhl, die erste Kuh oder ein Fahrrad ist, um Feldfrüchte zum Markt zu schaffen - Kleingewerbe ist für die Mehrheit in den unterentwickelten Länder der Ausweg aus der Armut. Die Rückzahlungsquote ist viel höher als im normalen Kreditgeschäft; nicht selten liegt sie bei mehr als 95 Prozent. Sie hat gute Gründe: Die Bankiers stammen oft aus befreundeten Familien, meist aus derselben Region. Sie kennen die Herausforderungen dort, und sie kennen ihr Klientel.

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