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Grabstatt : Konkurrenz um die letzte Ruhestätte

  • -Aktualisiert am

Eine Möglichkeit: der Friedhof als Trauerhain Bild: Kretzer, Michael

Die Feuerbestattung hat sich durchgesetzt. Immer mehr Menschen wählen ein Grab im Wald oder einem Kolumbarium. Für die Friedhöfe hat das Folgen.

          5 Min.

          Elisabeth Kölsch fährt mit einem Lappen über den dunklen Stein, zupft Unkraut, sammelt Laub auf. Zwei Stunden sind sie und ihr Mann Harald nun schon zu Gange, jetzt wollen die beiden noch Erika einpflanzen. „Wir machen das Grab winterfest“, erklärt die 59-Jährige. Im Frühjahr kommen wieder Blumen drauf. Alle zwei Wochen besuchen die Kölschs den Trierer Hauptfriedhof, „da werden immer wieder viele Erinnerungen wach“, sagt sie.

          Bunt gefärbte Blätter bedecken Gräber und Wege, die Sonne schickt ihre Strahlen durch schütter gewordenes Laub. Ein Eichhörnchen gleitet über Äste, Vögel durchforsten das herbstliche Blätterwerk. Der Hauptfriedhof - das sind auch 15 Hektar Natur inmitten der Stadt. Mehr als 1250 Bäume zählt die Anlage, über 100 Baumarten sind vertreten. Ein schöner Ort, um der Hektik des Alltags zu entfliehen, und auch wer seine letzte Ruhe finden möchte, ist hier bestens aufgehoben.

          Doch wo sich einst die Toten aneinanderreihten, klaffen zusehends Lücken. 14 000 Gräber zählte der Hauptfriedhof noch vor zehn Jahren, heute sind es 11 000. Mehrere tausend Quadratmeter wurden so frei, exakt beziffern lasse sich das nicht, heißt es aus dem zuständigen Grünflächenamt. Gras drüber lautet die Devise, für mehr sind die über den gesamten Friedhof verteilten Flächen vorerst auch nicht zu gebrauchen.

          Feuerbestattung ist der Megatrend

          Auslöser für diese Entwicklung sei vor allem der Rückgang bei den Erdreihengräbern, sagt die Stadt, aber auch Angebote wie Baumgräber, anonyme Urnenreihengräber oder Rasengräber sorgen für einen deutlich geringeren Flächenbedarf. Der Wandel der Bestattungskultur hinterlässt seine Spuren, hier wie auf fast allen der rund 32 000 Friedhöfe Deutschlands. Denn was über Jahrzehnte die Regel war, ist längst zur Ausnahme geworden - die Erdbestattung.

          Jörg Grandjean ist seit einem Vierteljahrhundert Bestatter. „Als ich 1987 anfing, hatten wir 5 Prozent Feuerbestattungen. Heute sind es 75“, sagt er. Damit liegt er deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Von rund 860 000 Verstorbenen werden nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter mehr als 50 Prozent auf diesem Weg bestattet. „Das ist ein Megatrend“, heißt es dort.

          Die Gründe sind vielfältig. „Meist wollen die Verstorbenen ihrer Nachwelt keine Arbeit hinterlassen“, weiß Grandjean aus vielen Gesprächen. Weil die Kinder übers halbe Land verstreut und nicht mehr an einen Ort gebunden sind, können oder wollen sie die Grabpflege nicht leisten; eine Urnenbeisetzung bietet Wege und Möglichkeiten, den Aufwand so gering wie möglich zu halten.

          Auch Elisabeth Kölsch kann sich eine Feuerbestattung vorstellen. „Ich möchte meinen Kindern später nicht zur Last fallen“, sagt sie und meint es nicht als Vorwurf. Für ihren Mann kommt hingegen nur eine Erdbestattung in Frage. Die Vorstellung, verbrannt zu werden, behagt ihm einfach nicht. Und was die Grabpflege anbelangt: „Das kannst du heute alles regeln“, sagt er zu seiner Frau.

          Friedhöfe reagieren mit neuen Angeboten

          Tatsächlich reagieren Friedhofsgärtner und Bestattungsgewerbe mit immer neuen Angeboten auf den Wettbewerb um die Toten, und auch die Kommunen müssen sich etwas einfallen lassen. Denn immer mehr Verstorbene lassen ihre Asche in eigens dafür ausgewiesenen Wäldern beisetzen.

          Da verwundert es nur wenig, dass in Trier bereits rund 30 Prozent der Verstorbenen ihre letzte Ruhe nicht mehr auf einem der 17 städtischen oder zwei kirchlichen Friedhöfe finden. Die Folge sind gigantische Flächenreserven, die sich meist erst in Jahrzehnten nutzen lassen - und ständig steigende Gebührenbelastungen. „Es mag vielleicht etwas pietätlos klingen“, sagt Bestatter Roland Thome, „aber wir müssen uns ernsthaft überlegen, wie wir wieder mehr Menschen auf die Friedhöfe bringen.“

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