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Görlitz : Eine antiquierte Perle voller Möglichkeiten

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Mystisches Görlitz: Hier wächst Zerbrochenes zusammen. Bild: Jan Grossarth

Görlitz ist ein Magnet für Leute, die etwas Besonderes machen wollen. Die Zukunft gehört hier den Alten. Gerade durch ihren Einsatz kehrt der alte Glanz der Stadt zurück.

          8 Min.

          Hummel ist geblieben. Jetzt wohnt er mit Kindern und Frau im Eigenheim am Rande der Südstadt. Das war anders geplant. Anfangs war es ein fernes Abenteuer. Seine Mama brachte ihn aus dem Odenwald nach Görlitz, das war 2001; er hatte hier in Görlitz einen Studienplatz für Kulturmanagement. Sie stiegen irgendwo in der Stadt aus, die eine einzige Altstadt ist. „Mensch, ist das schön“, dachte er. Benedikt Hummel war betroffen vom Zauber dieses Ortes.

          Und von seinem Verfall. Ein Großteil der barocken, klassizistischen und Jugendstilbauten war hinüber. Das ist heute anders. Die Stadt ist von einer wunderbaren Schönheit, es gibt Straßenzüge, die an Paris erinnern, andere an Breslau oder Riga. Man spaziert eine halbe Stunde und meint, es gebe hier gar kein Haus, das nach 1920 erbaut worden wäre. Und heute leuchten sie wieder.

          Hummel hat seinen Anteil daran. Und das war harte Arbeit. So ein Paradies aus alten Steinen hat nicht die Eigenschaft, dass hier die Früchte reif vom Baum fallen. Zwölf-Stunden-Tage waren für Hummen normal, als er anfing. In Görlitz gab es – Kulturmanagerglück! – viel Kultur und wenig Management. Er machte sich nach dem Studium selbständig und lebte von „weniger als Hartz IV“ in einer kleinen Wohnung. Die kostete kaum zweihundert Euro. Warm. Er blieb, denn es schien ihm so, als habe er hier eine Mission. „Ich hatte ein Bild von der Stadt, wie sie wieder werden soll“, sagt er, „ich hab immer gesagt: Das wird das Baden-Baden des Ostens.“ Heute hat er schon eine halbe Lebensgeschichte mit Görlitz: „Es waren unheimlich bewegte 17 Jahre, und jetzt sind wir alle irgendwie fertig.“

          In Görlitz kann man sich noch verwirklichen

          Görlitz ist ein Magnet für Leute, die etwas Besonderes machen wollen und an den verkrusteten Strukturen reicher, satter Orte leiden. Hier ist alles günstig und vieles frei. „Hier kann man sich noch verwirklichen, ohne dass man viel Geld braucht, hier bewegt sich was“, sagte die Kellnerin beim Italiener, eine Studentin, die aus Marburg kam. Görlitz ist eine antiquierte Perle voller Möglichkeiten. Die Stadt hatte 1990 noch rund 85.000 Einwohner, nach langem Schwund stagniert die Einwohnerzahl nun bei rund 56.000. Das sind etwa so viele wie im Jahr 1880. Es gibt in der alten Handelsstadt immer noch zu wenige Industrieunternehmen. Da ist vor allem ein Turbinenwerk von Siemens und ein Werk des Zugherstellers Bombardier, in dem mehr als 2300 Menschen arbeiten, jedoch schon die nächste „Umstrukturierung“ angekündigt ist. Je schwächer die Wirtschaft, je mehr Menschen Arbeit im Westen oder in Dresden und Leipzig suchen, desto günstiger wurde das Wohnen: Der Kaufpreis für sanierte Altbauten ist auf rund tausend Euro je Quadratmeter gesunken. Nach Görlitz kommen arme westdeutsche Rentner und reiche Investoren, Träumer und Hippies, denen Kellnern reicht.

          Die Stadt ist für Zuwanderer aus Westdeutschland und Polen attraktiv
          Die Stadt ist für Zuwanderer aus Westdeutschland und Polen attraktiv : Bild: Jan Grossarth

          Jetzt leitet Benedikt Hummel eine Abteilung der städtischen Kulturservicegesellschaft mbH. Sie ist etwa für das Altstadtfest im August und den Weihnachtsmarkt zuständig und noch für einige Feste mehr. Anfangs stellte er selbst Bauzäune auf und hetzte in den Copyshop, um Flyer drucken zu lassen, heute gibt es in seinem Team sechs Mitarbeiter. Hummel musste anfangs die Standmiete erhöhen und Bratwurstbuden durch interessantere Angebote ersetzen. Das machte ihm nicht nur Freunde unter den Bratwurstbratern und wer weiß, wo noch. Davon erzählen viele Zugereiste: Es gebe ein unterschwelliges Netzwerk, das gegen Neuankömmlinge arbeitet. Was macht dieser Wessi bei uns, sagen manche. Aber viele andere freuen sich: Es ist doch wunderbar, dass Leute wie er bleiben und dass sie das, was sie an der Hochschule lernen, auch hier anwenden.

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