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Glosse Wirtschaft : Nationaler Kleingeist

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chs. In der Energieversorgung ist Europa passe. Vergessen sind alle Sonntagsreden vom Aufbau europäischer Champions. Die Nationalstaaten geben wieder den Ton an. Während andere noch über Schutzmaßnahmen nachdenken, greifen die Franzosen ...

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          chs. In der Energieversorgung ist Europa passe. Vergessen sind alle Sonntagsreden vom Aufbau europäischer Champions. Die Nationalstaaten geben wieder den Ton an. Während andere noch über Schutzmaßnahmen nachdenken, greifen die Franzosen schon in die Trickkiste des Industrieprotektionismus, indem sie ihre Energieversorger Suez und Gaz de France (GdF) verschmelzen. Die Schwierigkeit hinsichtlich des hohen Staatsanteils von GdF spielt dabei ebensowenig eine Rolle wie die hohe Börsenbewertung des Gasversorgers. Hauptsache, in dem neuen Duo wirkt die Giftpille eines substantiellen Staatsanteils ausreichend abschreckend für den expansionsbereiten italienischen Marktführer Enel wie für andere.

          Premierminister Dominique de Villepin argumentiert mit der Sicherung der nationalen Energieversorgung, doch Suez besitzt in der Stromproduktion Frankreichs derzeit nur einen Marktanteil von acht Prozent. Der Heimatmarkt ist noch fest in der Hand des vor kurzem zaghaft teilprivatisierten Monopolisten Electricite de France, der sich auf dem Markt der Privathaushalte später als europäische Konkurrenten erst ab Mitte 2007 an den Wettbewerb gewöhnen muß. Die strategische Überlegung der Regierung wird damit klar: Frankreich will, daß sich in der europäischen Konsolidierungswelle zwei nationale Champions behaupten.

          Die Energiebranche ist eine kapitalintensive Industrie, in der sich Größenvorteile wie fast nirgendwo bezahlt machen. Gleichzeitig sind hohe Investitionen in Produktions- und Verteilungskapazitäten notwendig, um den Energiebedarf zu stillen. Dies ist nur von großen Anbietern zu stemmen, die aber dem Wettbewerb ausgesetzt sein müssen. Die von der EU-Kommission durchgesetzte Konkurrenz um die Kunden wird sich indes nur dann entfalten, wenn die Anbieter grenzüberschreitend tätig werden können - auch als Käufer traditioneller Platzhalter. Dafür müssen die Regierungen ihren nationalen Kleingeist aufgeben, der sie bei jedem ausländischen Übernahmeangebot gleich die Gefährdung der Energieversorgung heraufbeschwören läßt. Macht Großbritannien etwa schlechte Erfahrungen mit dem Einlaß ausländischer Wettbewerber?

          Die französische Regierung dagegen hat sich zum Gefangenen ihrer Forderung nach wirtschaftlichem Patriotismus gemacht. Als industriepolitische Feuerwehr meint sie von einem Brandherd zum anderen eilen zu müssen, im vergangenen Sommer zu Danone, dann zu Arcelor, jetzt zu Suez. Beim Kampf um Aventis erklärte sie die Pharmabranche zur unantastbaren Industrie, später die Nahrungsmittelerzeugung, nun ist es die Energie. Frankreich hat die Notwendigkeit von Privatisierungen erkannt. Jetzt sollte das Land auch seine Rolle als Mitglied der europäischen Industriegemeinschaft akzeptieren.

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