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Globalisierung : George Soros: Wir müssen eine Radikalisierung der Debatte verhindern

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Kritischer Kapitalist - George Soros Bild: dpa

Spekulant und Stifter - George Soros gehört zu den schillerndsten Figuren der Finanzwelt. Ein FAZ.NET-Gespräch über Globalisierung und die Folgen.

          5 Min.

          George Soros hat sein Vermögen als Spekulant gemacht. Das hindert ihn nicht daran, immer wieder die Schwächen des globalen Kapitalismus anzuprangern. Im Gespräch mit FAZ.NET zeigt der 71-jährige Milliardär und Philanthrop viel Verständnis für die Argumente der Globalisierungskritiker. Eine Tobin-Steuer auf Finanz-Transaktionen hält Soros zwar für berechtigt, aber wenig praktikabel.

          Herr Soros, wie erklären Sie sich die starke Zunahme an organisierten Protesten in den westlichen Ländern gegen die Globalisierung?

          Die Ungleichheiten des Systems haben viele Missstände hervorgerufen. Missstände verursachen wiederum Wut und die kann sich auf vielfältige Art ausdrücken. Man sollte sich allerdings davor hüten, die Globalisierungskritiker oder die Anti-G7-Demonstranten mit Terroristen in einen Topf zu werfen. Das wäre eine Gefährdung der Meinungsfreiheit. Unter den Demonstranten gibt es natürlich einige, die gewaltbereit sind. Aber es gibt auch jede Menge Menschen mit vernünftigen Argumenten und legitimen Anliegen. Wir müssen Antworten auf diese legitimen Anliegen finden und dürfen uns nicht auf den Kampf gegen die unmittelbare terroristische Bedrohung beschränken.

          Diese legitimen Ziele sind doch letztendlich politischer Natur, doch die Proteste richten sich meistens gegen wirtschaftliche oder finanzielle Organisationen. Greifen die Demonstranten den falschen Feind an?

          Das ist genau mein Argument. Ich finde es sehr bedauerlich, dass die Globalisierungsgegner genau jene internationalen Organisationen angreifen, die benötigt werden, um den internationalen Handel zu fördern und die Schaffung von Wohlstand zu unterstützen. Statt Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO) zu zerstören, deren Regeln den internationalen Handel sichern, brauchen wir zusätzliche Organisationen, die sich um Ausbildung, Gesundheit und andere öffentliche Güter kümmern, die von einzelnen Staaten derzeit nicht gewährleistet werden können.

          Der wichtigste Grund für den Widerstand gegen die Globalisierung scheint die ungleiche Verteilung des Wohlstands zu sein.

          Die Globalisierung war und ist zu einseitig. Wir globalisieren Märkte, aber der soziale Fortschritt bleibt eine Angelegenheit des Nationalstaates. Es gibt eine klare Disparität zwischen der sozialen Entwicklung auf der einen Seite und wirtschaftlicher und finanzieller Entwicklung auf der anderen Seite. Das muss korrigiert werden.

          Das ist nicht weit von dem entfernt, was viele Globalisierungsgegner sagen. Bewegen Sie sich auf diese Gruppen zu?

          Nun, wir befinden uns im Dialog. Es hat eine unglückliche Allianz zwischen Globalisierungsgegnern und Marktfundamentalisten gegeben, zwischen Links- und Rechtsaußen sozusagen. Beide greifen die internationalen Organisationen an, vor allem die Finanz- und Handelsorganisationen. Statt die existierenden Organisationen zu zerstören, sollten wir jedoch neue internationale Organisationen aufbauen, die sich den bislang brachliegenden sozialen Problemen widmen. Dazu brauchen wir eine neue Koalition. Wenn wir dafür die Unterstützung der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bekämen, wäre das ein wichtiger Schritt. Dazu müssen wir nicht über alles einer Meinung sein.

          Wie würden Sie Ihre Rolle in der aktuellen Diskussion charakterisieren? Sind Sie eine Art „missing link“ zwischen den NGOs und den internationalen Organisationen?

          Ich wäre sehr gern in dieser Position, doch das scheint mir ziemlich unwahrscheinlich. Ich bin ein Kritiker des globalen kapitalistischen Systems, ohne sein Feind zu sein. Ich bin ein Produkt des Systems und ich bin ein Anhänger des globalen Kapitalismus. Es gibt keine Alternative dazu. Aber ich erkenne auch die Mängel des Systems, und ich würde gerne dazu beitragen, es fairer und stabiler zu gestalten.

          Könnten Sie sich vorstellen, künftig enger mit einigen NGOs wie etwa Attac zusammenzuarbeiten?

          Was ich bislang von Susan George (Vize-Präsidentin von Attac Frankreich, Anm. d. Red.) gehört habe, ist nicht weit entfernt von meinen eigenen Positionen. Mit ihr und einigen anderen befinde ich mich durchaus auf einer ähnlichen Wellenlänge. Aber man muss sehen, dass Organisationen wie Attac ihre Anhänger unter den Gegnern des Globalisierungsprozesses rekrutieren. Ich kann aber mit einer generellen Ablehnung der Globalisierung nicht übereinstimmen. Wir sind sicher nicht in allen Punkten einer Meinung, aber es herrscht Konsens, dass wir mehr für jene tun müssen, die durch die Globalisierung ausgegrenzt werden.

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