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Russische Wirtschaftslage : Liebesgrüße nach Moskau

  • -Aktualisiert am

Wirtschaftsklimatisch herrscht in Russland derzeit Frühling statt Winter. Das liegt vor allem an globalen Konzernen, die in das Land investieren. Bild: dpa

Ausländische Konzerne investieren trotz Konsumflaute und Sanktionen wieder in Russland. Ein Sieg für den Kreml auf ganzer Linie?

          In Russland herrscht gerade Frühling im Winter. Nicht in Bezug auf die Witterung; Eis und Schnee kamen dieses Jahr zeitig. Aber wirtschaftsklimatisch, und das überrascht auf den ersten Blick. Es wird wieder investiert – nicht von Russen, sondern von Ausländern. Pfizer baut eine Medikamentenfabrik, Mars investiert in die Produktion von Kaugummi und Tierfutter, die französische Einrichtungskette Leroy Merlin will ihre Niederlassungen in fünf Jahren mehr als verdoppeln. Deutsche Unternehmen stehen nicht abseits. Volkswagen baut sein Werk südlich von Moskau aus. Henkel hat die Shampoo-Produktion erweitert. Das Elektrounternehmen OBO Bettermann hat ein Werk eröffnet, ebenso der Pumpenhersteller Wilo.

          Der Mut der Unternehmen scheint bemerkenswert, weil das Russland-Risiko gestiegen ist. Hohe Wachstumsraten oder Reformen erwartet hier so schnell niemand, stattdessen die Wiederwahl von Präsident Wladimir Putin 2018 und zunehmenden Staatskapitalismus. Die Konsumblüte der Jahre bis zur Ukraine-Krise wird so nicht zurückkehren. Durch den relativ tiefen Ölpreis fehlt die wichtigste Wohlstandsquelle. Andere hat sich Russland kaum erschlossen. Vom kommenden Jahr an dürfte die Wirtschaft zaghaft wieder wachsen. Und so wird es wegen vieler interner Probleme wohl bleiben.

          Dennoch zeichnet sich fast ein Wunder ab: Selbst Daimler könnte bald Mercedes-Limousinen in Russland bauen. Investitionen von mindestens 300 Millionen Euro in ein Montagewerk nahe Moskau sind nach russischen Regierungsangaben fast unterschriftsreif. In den Jahren des Autobooms wurde über eine lokale Produktion der Mercedes-Limousinen spekuliert. Ausgerechnet jetzt soll es so weit sein – obwohl der Automarkt 2016 bisher um 13 Prozent schrumpfte, nachdem die Zahl verkaufter Fahrzeuge 2015 schon um 36 Prozent sank.

          Russlands Markt bietet Potential

          Für ein globales Unternehmen ist die Rechnung einfach. Riesen wie Mars, Henkel, VW oder Daimler werden in zehn Jahren noch existieren. Auch Russland wird in zehn Jahren noch da sein. Das Land hat das, was es im Zweckoptimismus der Vorstände immer hatte: Potential. Ein Markt mit 143 Millionen Konsumenten und weiteren 140 Millionen in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ist es wert, in ihn zu investieren – zumindest einen Teil dessen, was ein Konzern für Expansion ausgibt. Die westlichen Sanktionen stören nicht entscheidend, man hat sich an sie gewöhnt. Mit dem Status quo können Firmen arbeiten, nur mit Unsicherheit nicht.

          Nach Angaben der Zentralbank flossen 2013 netto 64 Milliarden Euro Direktinvestitionen aus dem Ausland nach Russland. Im Vorjahr, als die Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent schrumpfte, waren es nur 6 Milliarden Euro. Nun scheint die Wende geschafft: Von Januar bis September betrug der Zustrom schon rund 7,7 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen sind vorn dabei. Laut Bundesbank betragen ihre Direktinvestitionen in Russland in diesem Jahr schon mehr als zwei Milliarden Euro, fast die Hälfte mehr als im Vorjahr. Drei Viertel davon stammen aus reinvestierten Gewinnen.

          Das zeigt, dass Ausländer in Russland selbst in einer Rezession Geld verdienen können. Die unterentwickelte Unternehmenslandschaft belohnt sie, oligopolistische Strukturen beschützen die Margen. Geht die Wette der Investoren auf, sind sie in wenigen Jahren erst recht im Geschäft. Geht die Wette nicht auf, haben sie relativ wenig verloren. Der Einsatz ist kleiner geworden: Der Euro ist in Rubel rund die Hälfte mehr wert als Anfang 2014. Eine neue Fabrik ist damit aus Sicht der Konzernzentrale um die Hälfte billiger geworden.

          Das weiß der Kreml, der mit Zuckerbrot und Peitsche Unternehmen ins Land holen will: Protektionismus, Zölle, Importauflagen und Vorschriften zum Kauf lokal produzierter Erzeugnisse wachsen. Zugleich werden Unternehmen Erleichterungen oder Subventionen offeriert, wenn sie eine russische Produktion aufbauen. Viele Chefs lassen sich darauf ein.

          Niedrige Anlageninvestitionen bedeuten Risiken für Unternehmen

          Also Sieg für den Kreml auf ganzer Linie? Nein, Fortschritte, die durch Vorschriften entstehen, werden nie so groß sein wie Fortschritte durch Freiheiten. Wachsenden Protektionismus und bürokratischen Aufwand zählen deutsche Unternehmer neben Klassikern wie Korruption und Fachkräftemangel zu den größten Problemen des Landes. Und Überraschungen kann es immer geben: Ein Gericht sperrte jüngst im nächsten Kapitel eines epischen Rechtsstreits 135 Millionen Euro auf Konten von Ikea. Dennoch will das schwedische Einrichtungshaus hier weitere 1,5 Milliarden Euro investieren. Die Risikorechnung stimmt für Ikea also noch.

          Tatsächlich ist es die Aufgabe von Unternehmen, Risiken zu nehmen. Aber für russische Unternehmenschefs sieht die Rechnung anders aus als für die ausländische Konkurrenz: Trotz deren Engagement liegen die Anlageinvestitionen im Land insgesamt darnieder. Sie sind 2015 um mehr als acht Prozent gefallen, seit Jahresbeginn um weitere vier Prozent. Russische Firmen haben früher schon zu wenig investiert, vom antizyklischen Investieren in der Krise halten sie noch weniger. Sie können ihre Risiken selten global streuen; langfristiger Kapitaleinsatz in Russland ist für sie zu oft ein Wagnis. Solange sich daran nichts ändert, hat auch der Kreml ein großes Problem.

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