https://www.faz.net/-gqe-15ytw

Globale Ungleichgewichte : Kann denn Export Sünde sein?

Konsumgetriebenes Wachstum auf Pump, befeuert durch niedrige Zinsen - so entstand die Krise Bild: APN

Sind die Deutschen mit Schuld an den Problemen Griechenlands? Als starke Exporteure hätten wir „Koch und Kellner“ für die Länder gespielt, die eine Party feierten, sagt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Nun seien sie pleite, und der Lieferant habe ein Problem. Ökonomen streiten darüber, wie es nun weitergehen soll - lange bevor die Franzosen die Deutschen kritisierten.

          5 Min.

          Die große Krise des Jahres 2009 hat die Wirtschaft erschüttert und Weltbilder ins Wanken gebracht. Mit der Krise werfen viele Ökonomen auch einen kritischeren Blick auf die "globalen Ungleichgewichte". Auf der einen Seite stehen die Außenhandelsüberschüsse der großen Exportnationen wie China, Japan und Deutschland, die fleißig Waren ausführen und Ersparnisse bilden. Auf der anderen Seite gibt es die hohen Leistungsbilanzdefizite der Nationen, die sich Konsum auf Pump erlaubten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Exportweltmeister waren sechs Jahre lang die Deutschen; nun sind es die Chinesen, die zugleich eine extrem hohe Sparquote haben. Mittlerweile sitzt Peking auf einem Berg von Devisenreserven von mehr als 2 Billionen Dollar. Größter Konsument und Importeur der Welt sind die Amerikaner, deren Leistungsbilanz seit Jahrzehnten tief im Minus liegt. 2009 betrug das Defizit, reduziert durch die Krise, etwa 370 Milliarden Dollar. Um so viel importierte Amerika mehr als es exportierte. In den Jahren zuvor erlaubten sich die Amerikaner stets ein Leistungsbilanzdefizit von mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), finanziert durch Verschuldung im Ausland.

          Dieses konsumgetriebene Wachstum auf Pump, befeuert durch niedrige Zinsen, war nach Ansicht vieler Ökonomen eine wesentliche Ursache für die Instabilität der Weltwirtschaft, die in die große Krise mündete. Die amerikanischen Konsumenten fallen nun als großer Nachfragetreiber erst einmal aus. Notgedrungen erhöhen sie ihre Sparquote. In Europa müssen sich Spanier, Portugiesen und Griechen sowie die Iren einschränken, andernfalls werden sie von ihren Schulden erdrückt. Diese Länder erlebten mit Eintritt in die Währungsunion einen Sonderboom, weil sie plötzlich viel niedrigere Zinsen zu zahlen hatten. Auf die Party folgte der Kater.

          Bild: F.A.Z.

          Auf dem Gipfeltreffen der zwanzig großen Industrie- und Schwellenländer (G 20) in Pittsburgh im September 2009 haben die Staats- und Regierungschefs in einem Zusatzprotokoll das vage Bekenntnis abgelegt, "nicht haltbare globale Ungleichgewichte in Zukunft zu vermeiden". Dafür plädiert auch der Internationale Währungsfonds (IWF), dessen Zahlen seit dem vergangenen Jahr eine deutliche Verringerung der Defizite und Überschüsse der Leistungsbilanzen zeigen, weil der Handel insgesamt schrumpfte. Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss fiel von 165 auf 119 Milliarden Euro, was immerhin noch 3 Prozent des BIP entspricht.

          Unterdessen wächst hierzulande die Sorge, ob die stark exportlastige Wirtschaftsstruktur auf Dauer durchzuhalten sein wird. Die Meinungen der Ökonomen gehen weit auseinander. Auf der einen Seite gibt es Kritiker, vor allem aus dem Lager der Gewerkschaften wie Gustav Horn, der das Institut für Makroökonomie leitet. Sie fordern eine Abkehr von der starken Exportorientierung und eine expansivere Lohnpolitik, um die Binnennachfrage zu stärken. Besonders radikal vertritt diese These Heiner Flassbeck, der einst Berater von Oskar Lafontaine war und heute Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Ernährung (UNCTAD) ist. Flassbeck sieht die deutsche Stärkung des Exports durch die Lohnzurückhaltung seit der Jahrtausendwende geradezu als Sünde, weil dadurch die schwächeren Euro-Staaten ins Defizit getrieben worden seien. Moderater ist die Kritik, die Peter Bofinger äußert: "Wir Deutschen haben einseitig auf den Export gesetzt und die Binnennachfrage geschwächt, etwa durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer", kritisiert Bofinger, der Mitglied des Sachverständigenrats, der "Fünf Wirtschaftsweisen", ist.

          Franz: Exporte haben Millionen Arbeitsplätze gesichert

          Eine größere Ökonomenfraktion, wohl die Mehrheit der deutschen Volkswirte, hält die Exportorientierung für richtig. "In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben unsere Exportaktivitäten hierzulande Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen oder zumindest gesichert", betont Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats. "Die inländischen Arbeitnehmer haben davon erheblich profitiert." Die Hoffnungen auf eine konjunkturelle Erholung basierten auf dem wieder anziehenden Export. Ein "Aufblähen der kaufkräftigen Nachfrage mit Hilfe einer expansiven Lohnpolitik" hielte Franz für einen Irrweg, der Deutschlands Wettbewerbsposition schädigen würde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.