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Gleichberechtigung : Melinda Gates findet deutsche Frauenquote phantastisch

Melinda Gates nimmt bei Frauenfragen auch Kanzlerin Merkel in die Pflicht. Bild: AFP

Melinda Gates führt zusammen mit ihrem Mann Bill die mit Abstand größte Privatstiftung der Welt. Im Kampf um Gleichberechtigung sieht sie weiterhin großen Handlungsbedarf.

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          Im Hause Gates fängt Gleichberechtigung beim Abwasch und beim Raustragen des Mülls an. Bill Gates, Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft und laut „Forbes“-Liste der reichste Mensch der Welt, und seine Frau Melinda legen Wert darauf, dass alle drei Kinder gleichmäßig im Haushalt mithelfen. Und wie Melinda Gates im Gespräch mit der F.A.Z. in New York sagte, bekommt der 15 Jahre alte Rory John für solche Arbeiten von seinen Eltern genauso viel Geld wie seine Schwestern Jennifer Katharine und Phoebe Adele, die 18 und 12 Jahre alt sind. Frau Gates meint, ihr Sohn profitiere von den weiblichen Einflüssen in der Familie, mit „einer starken Mutter“ und als mittleres Kind zwischen zwei Schwestern. Ebenso sei es bei Bill Gates gewesen, der auch eine ältere und eine jüngere Schwester hat. Das Ehepaar Gates führt zusammen die Bill&Melinda Gates Foundation, die mit Abstand größte Privatstiftung der Welt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Gleichberechtigung von Frauen ist auch der Anlass, warum Melinda Gates für die Stiftung nach New York gekommen ist. Zusammen mit der früheren amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton und deren Tochter Chelsea hat sie hier am Montag einen Bericht vorgelegt, der sich um Fortschritte von Frauen im Kampf um Gleichberechtigung dreht. Dieser Bericht ist als Bestandsaufnahme zwanzig Jahre nach der Weltfrauenkonferenz in Peking gedacht, die mit einer Resolution zur Gleichstellung der Geschlechter in allen Bereichen des Lebens wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endete. Der Bericht ist sehr breit gefasst und beschäftigt sich mit der Lage von Frauen in Entwicklungsländern ebenso wie in Industrieregionen. Die Bilanz fällt sehr gemischt aus: Es wird auf viele Fortschritte verwiesen, etwa in Bereichen wie Ausbildung. Der Anteil von Mädchen, die eine Grundschule besuchen, liege zum Beispiel heute auf der ganzen Welt auf der gleichen Höhe wie bei Jungen. Auch in der Gesundheit gebe es positive Entwicklungen, etwa bei der Sterblichkeit von Müttern bei der Geburt oder während der Schwangerschaft, die seit 1995 deutlich gesunken sei. Auf der anderen Seite sei aber der Anteil von Infektionen mit dem HI-Virus bei Frauen in bestimmten Altersgruppen noch immer doppelt so hoch wie bei Männern.

          Technologieindustrie hat großen Nachholbedarf

          Beklagt wird in dem Bericht auch, dass Frauen in der Politik wie auch in der Wirtschaft unterrepräsentiert sind. Noch immer seien viel weniger Frauen als Männer berufstätig, und nur ein sehr kleiner Teil schaffe es in Führungspositionen. Insofern hat Melinda Gates auch mit Interesse verfolgt, als vor wenigen Tagen in Deutschland eine Frauenquote für Aufsichtsräte in Unternehmen beschlossen wurde. Gates findet die Entscheidung „phantastisch“. Zwar sei es auch Sache der Frauen selbst, sich Führungspositionen zu erkämpfen. Aber die hartnäckig niedrigen Anteile von Frauen in Aufsichtsräten zeigten, dass die Politik mithelfen müsse. Zu der nach der Quotenentscheidung forcierten Diskussion über ein mögliches Gesetz zur Lohngleichheit wollte Gates zwar nicht direkt Stellung beziehen. Aber nach ihrer Meinung zeige der Lohnabstand von mehr als 20 Prozent zwischen Frauen und Männern, dass Handlungsbedarf bestehe.

          Gates hält es für möglich, dass eine höhere Zahl von Frauen in deutschen Aufsichtsräten auf längere Sicht auch dazu führt, dass es hierzulande mehr weibliche Vorstandsvorsitzende gibt. Daran mangelt es bisher, während in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe bekannter Unternehmen wie IBM, General Motors, Yahoo oder Hewlett-Packard von Frauen geführt werden. „Das sind Hardcore-Technologieunternehmen, und daran sieht man, dass Frauen jede Art von Unternehmen führen können.“ Aber trotz solcher prominenter Beispiele bleiben auch in Amerika weibliche Vorstandschefs die Ausnahme, denn nur 5 Prozent der größten 500 Unternehmen haben Frauen an der Spitze.

          Und gerade die Technologieindustrie hat mit der Veröffentlichung von Zahlen zur Zusammensetzung der Belegschaft unterstrichen, dass Frauen noch längst nicht auf einer Stufe mit Männern stehen. Bei Unternehmen wie Microsoft, Apple, Google oder Facebook sind jeweils nur um die 30 Prozent der Mitarbeiter weiblich. Gates meint, dieses Missverhältnis erkläre sich nicht mit dem mangelnden Willen der Unternehmen, Frauen einzustellen. Vielmehr gebe es zu wenige Frauen, die naturwissenschaftliche Ausbildungswege verfolgten. Dabei habe sich das Bild in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch dramatisch verschlechtert. Noch 1984 hätten Frauen 37 Prozent aller Bachelor-Abschlüsse in Informatik an amerikanischen Universitäten gemacht, 2010 seien es nur noch 18 Prozent gewesen.

          Merkel traf sich schon mit Gates

          Gates mutmaßt, dass viele Frauen das Umfeld in der Technologiebranche als nicht allzu frauenfreundlich empfinden. So beklagten Frauen oft, dass es ihnen schwerer als Männern fällt, bei der Gründung von Unternehmen Wagniskapital zu bekommen, was laut Gates damit zu tun haben könnte, dass Banken und Wagniskapitalgesellschaften weitgehend von Männern kontrolliert werden. Gates hofft, dass Erfolgsgeschichten wie das amerikanische Diagnostikunternehmen Theranos, dessen Gründerin Elizabeth Holmes auf der gerade veröffentlichten „Forbes“-Liste als jüngste Milliardärin der Welt geführt wird, eine Signalwirkung haben.

          Aber Gates nimmt auch die Politik in die Pflicht und fordert, dass der im Juni unter deutscher Präsidentschaft stattfindende G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in konkreten Schritten resultiert, die „mehr finanzielle Einbeziehung“ von Frauen zum Ziel haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat „Stärkung von Frauen bei Selbständigkeit und beruflicher Bildung“ auf die Tagesordnung des Gipfels gesetzt. Merkel hat sich im Februar bei ihrer Reise nach Washington mit einer ganzen Reihe prominenter amerikanischer Frauen getroffen. Auch Melinda Gates war mit dabei.

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