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Glasmanufaktur Theresienthal : Die Unzerbrechlichen werden modern

„Ästhetik des gedeckten Tisches”: Früher ging es darum, viel Handwerk zu zeigen Bild:

Seit hunderten von Jahren wird im Bayerischen Wald Glas produziert. Die Manufaktur Theresienthal hat Kriege und Krisen überstanden - und jetzt auch das schwierige Jahr 2009. Die Glanzzeiten liegen dennoch lang zurück.

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          Draußen an der Fassade bröckelt der Putz friedlich vor sich hin. Aber in der Glaserei brennt das Feuer 1240 Grad heiß. Drei Glasbläser stehen auf einem hölzernen Podest, der Schweiß rinnt ihnen am Körper entlang. Nur spärliches Tageslicht fällt durch die kleinen Seitenfenster, allein die helle Flamme leuchtet die Bühne aus. Mit einer langen Eisenstange holt der Einbläser eine glühende Glaskugel aus dem Ofen und gibt ihr Form. In einem anderen Gebäudetrakt sind die Fensterscheiben fast blind. Aber dahinter sitzen zwei Schleifer hochkonzentriert vor ihrer Werkbank, setzen Schliff für Schliff filigrane Verzierungen auf die Gläser.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Ein Ofen, der brennt, Schleifräder, die sich drehen: Seit Hunderten von Jahren machen sie so Kristallglas im Bayerischen Wald. Eine der wenigen Glashütten, die mit dieser fast archaisch anmutenden Herstellung überlebt haben, ist die Kristallglasmanufaktur Theresienthal in Zwiesel. Der Würzburger Glashändler Franz Steigerwald gründete die Hütte 1836, um Bayerns König Ludwig I. zu beliefern. Dessen Frau Therese war Namensgeberin. Theresienthal belieferte den europäischen Hochadel, Kaiser Wilhelm II. gehörte ebenso zu den Kunden wie der russische Zar.

          Die Glanzzeiten liegen lange zurück. „Früher waren hier 300 Leute beschäftigt“, sagt Betriebsleiter Max Hannes. Der kleine Mann mit dem buschigen Schnauzbart und den kräftigen Oberarmen sieht etwas verloren aus in der dunklen Halle mit dem gewaltigen Dachstuhl. Heute arbeiten bei Theresienthal nur noch 22 Ganztagesangestellte. Doch der 63 Jahre alte Hannes ist froh, dass der Ofen überhaupt noch brennt. Es ist auch sein Verdienst, denn ohne den rührigen Betriebsleiter gäbe es die Hütte nicht mehr.

          Die Glanzzeiten liegen zurück: Früher waren 300 Mitarbeiter mit der Produktion beschäftigt

          Fast 90 Prozent hält die Familie, gut zehn Prozent die Stiftung

          Mehrere Eigentümerwechsel, mehrere Krisen, zu hohe Produktionskosten und zu billige Konkurrenz aus dem Ausland, erst Entlassungen und dann eines Tages die Schließung: Theresienthal war heruntergewirtschaftet und musste im Jahr 2001 Insolvenz anmelden. Hannes ging trotzdem Tag für Tag auf die Hütte und achtete darauf, dass der Ofen langsam herunterkühlt. Ein plötzlicher Temperatursturz hätte die Wände des Gebäudes zerbersten lassen. Dann wäre wohl für immer Schluss gewesen mit der Glasmacherei.

          Hannes hört diese Geschichten nicht gern. Und auch der neue Eigentümer, Max von Schnurbein, will sich nicht allzu lange mit dem dunklen Kapitel der Firmenhistorie aufhalten. Der Freiherr ist 1968 in Zwiesel geboren und wuchs mit dem Kristallglas auf. Den Niedergang von Theresienthal beobachtete er nur aus der Ferne. Schnurbein arbeitete als Banker in London und Frankfurt, bevor er von der Eberhard-von-Kuenheim-Stiftung, einer BMW-Fördereinrichtung zu Ehren des einstigen Vorstandsvorsitzenden, auf Theresienthal angesprochen wurde. Einen „auf sich selbst fokussierten Betrieb“, sagt Schnurbein, habe er 2006 vorgefunden und dann übernommen. Fast 90 Prozent der Anteile hält seine Familie, gut 10 Prozent die BMW-Stiftung. Unter seiner Regie soll sich die Manufaktur nun öffnen, Marktchancen suchen und wahrnehmen. „Wir sind Maßschneider, und wir bieten ein Super-Produkt an“, sagt Schnurbein salopp.

          Schlichte Eleganz ohne Schnörkel und Handbemalung

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