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IWF-Chefvolkswirtin : Die Frau, die den Währungsfonds entideologisiert

Gita Gopinath auf der Jahrestagung von IWF und Weltbank. Bild: AFP

Daten statt Dogmen: Gita Gopinath ist die oberste Ökonomin des Internationalen Währungsfonds. Ihre akademischen Leistungen beeindrucken. Was zeichnet ihre Arbeit beim IWF aus?

          Als Gita Gopinath im Herbst vergangenen Jahres von Christine Lagarde zur Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds auserwählt wurde, wusste die Presse in ihrer alten Heimat Indien ihren patriotischen Überschwang kaum zu bändigen. Ihre Eltern wurden von Journalisten und Bekannten belagert.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Der stolze Vater, Landwirt und Chef einer Bauerngenossenschaft, sagte einem Radiosender, dass Tochter Gita jeden Tag 15 bis 18 Stunden arbeite, seit sie Professorin an der Harvard-Universität sei. Ihre Mutter, langjährige Leiterin eines populären Theaters, merkte an, dass Gita trotz ihres engen Zeitkorsetts jeden Abend anrufe.

          Ihre Eltern zeichnen in Interviews das Bild einer ungewöhnlich zielstrebigen Tochter, die freiwillig Sport, Gitarre und Modenschauen aufgegeben hat, um sich komplett auf das Wirtschaftsstudium zu konzentrieren. Kurz liebäugelte sie offenbar mit einer Karriere im öffentlichen Dienst in Indien, verwarf den Gedanken aber nach Angaben ihrer Eltern, weil damit zu wenig Geld zu verdienen war.

          Die Entscheidung führte zu einer eindrucksvollen akademischen Laufbahn, in der ihre Arbeit mit Auszeichnungen und Stipendien honoriert wurden. Über Colleges in Indien, die Washington State University, Princeton und Chicago Graduate School of Business kam sie schließlich an die Harvard University, wo sie bis zur Ernennung als Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds in Nachfolge von Maurice Obstfeld einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt internationale Finanzen und Makroökonomie besetzte.

          Frauen haben es in der VWL schwerer

          IWF-Chefin Lagarde hatte ihre Absicht öffentlich gemacht, mehr Frauen in zentrale Positionen des Währungsfonds zu bringen. So schien ihre Bestellung naheliegend. Doch wenige zweifeln daran, dass Gopinath auch ohne Diversitätsbemühungen der Fonds-Führung den Posten ergattert hätte. Zu eindrucksvoll sind ihre akademischen Meriten.

          Ihre Karriere ist umso eindrucksvoller, weil Amerikas ökonomische Zunft Frauen die Karriere eher erschwert. Das ist kein feministisches Vorurteil, sondern das Ergebnis von Studien und Befragungen unter anderem der American Economic Association selbst. Viele Wissenschaftlerinnen geben an, dass sie in ihrer Forschung diskriminiert wurden.

          Umso auffälliger ist es vor diesem Hintergrund, dass immer mehr Frauen öffentlich sichtbare Ökonomen-Positionen einnehmen. Die gebürtige Griechin mit Freiburger Diplom, Pinelopi Koujianou Goldberg, ist Gopinaths Gegenpart auf der anderen Straßenseite in Washington: Sie leitet seit einigen Monaten die volkswirtschaftliche Forschung der Weltbank. In der OECD ist seit Sommer Laurence Boone Chefökonomin. Die drei Frauen bestreiten am Samstag eine Podiumsdiskussion in Washington. Janet Yellen, Vorbild für viele Volkswirtinnen und ehemalige Fed-Chefin, ist zur Präsidentin der amerikanischen Ökonomen-Vereinigung AEA gewählt worden.

          Dahin, wo die Empirie sie hinführt

          Die Erwartung, Gopinath würde im Währungsfonds genderspezifische Forschung vorantreiben, dürfte sie enttäuschen. Die 48-jährige ist Währungsexpertin und hat nach Aussagen von Wegbegleitern eine diebische Freude daran, konventionelle ökonomische Gewissheiten in Frage zu stellen, etwa Milton Friedmans Währungstheorie. Könnte das aktive Währungsmanagement, das China betreibt, für Schwellenländer besser sein als die komplette Freigabe? Ist der freie Kapitalverkehr vielleicht schädlich?

          Sie suche ihre Antworten in den Daten, nicht in den Dogmen, heißt es. Es wird deshalb erwartet, dass sie den von Obstfeld eingeleiteten Prozess der Loslösung von Monetarismus und klassischer Theorie fortsetzt. Der Währungsfonds sucht neue Antworten auf die Herausforderungen, die die Globalisierung an Länderregierungen und ihre Bürger stellt.

          Ihr Input ist auch gefragt, wenn der Fonds seine Kreditbedingungen aktualisiert. Sie geht dahin, wo die Empirie sie hinführt, formuliert ein Ökonom. Dass Ideologie sie nicht besonders beschwert, zeigt ein Beratungsengagement in Indien. Sie stand bis 2018 dem Ministerpräsidenten des kommunistischen Bundesstaats Kerala mit Ratschlägen zur Seite. Der Mann ist Mitglied des Politbüros der kommunistischen Partei Indiens.

          IWF-Leute, die mit Gopinath zusammenarbeiten, sehen als ihre Schwäche, dass sie noch sehr akademisch daherkommt. Doch sie lerne in atemberaubender Geschwindigkeit. Die erste große Pressekonferenz anlässlich der Präsentation des World Economic Outlook am vergangenen Dienstag hat sie mit professioneller Souveränität gemeistert.

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