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Gibraltar : Der Felsen der Seligen

  • -Aktualisiert am

Warteschlangen als Druckmittel: Wer von Spanien nach Gibraltar will, muss auch mal vier Stunden warten Bild: AFP

Auf winziger Fläche tummeln sich in Gibraltar Zehntausende Unternehmen - zum Unwillen des Nachbarn Spanien. Wieder einmal verschärft Madrid die Gangart.

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          In der Großkrise auf der Iberischen Halbinsel gibt es einen glücklichen Flecken, der wider alle Anfechtungen prosperiert und profitiert. Mögen Spanien und Portugal sich gerade aus ihren selbstgegrabenen Löchern herausarbeiten und Andorra nach dem Ende der fetten Jahre seiner Banken gleichermaßen mühsam ein neues Geschäftsmodell suchen, so steht das kleine Gibraltar prächtig da. Den knapp 30.000 Bewohnern der britischen Kronkolonie, die in diesem Jahr auf ihren 7 Quadratkilometern den - nach dem Vertrag von Utrecht - 300. „Geburtstag“ feiert, geht es so gut, dass sie ihre jungen Leute auf ordentliche Universitäten in England schicken können. Das alles liegt nicht unbedingt daran, dass im Schatten des „Affenfelsens“ so viel gearbeitet, sondern dass dort so viel verdient wird.

          Genau darum geht es in der gerade wieder aufgeflammten Auseinandersetzung mit dem benachbarten Spanien. Dieses findet, dass in Gibraltar, welches kein „Steuerparadies“ mehr sein will, trotzdem nicht alles mit europäisch rechten Dingen zugehe. Die vermeintlich hohe Zahl dort ansässiger Unternehmen - 18.000 laut Gibraltar, 30.000 laut Madrid -, die schwimmenden Tankstellen und die neue Goldmine des Online-Glücksspiels sind nur ein Ausschnitt aus dem Panorama der Zweifel Spaniens, dessen Regierung jetzt mit schikanösen Grenzkontrollen der ungeliebten Enklave auf die Nerven geht.

          Deren Regierung, die in einer globalisierten Wirtschaft neue lukrative und „saubere“ Geschäftsfelder mit Versicherungen und anderen Finanzdienstleistungen erschlossen hat, beteuert hingegen, dass sie die Gesetze und Vorschriften der EU peinlich genau beachte. So sind ihr die Zigarettenschmuggler inzwischen manchmal so peinlich, dass sie punktuell in gemeinsamen Polizeiaktionen aufgebracht werden. Aber hat Gibraltar tatsächlich, wie die Spanier behaupten, im vorigen Jahr 140 Millionen Schachteln importiert und zum halben Preis verkauft? Es erstaunt, wie viel politische und mediale Sympathie ausgerechnet in Zeiten der unersättlichen europäischen Steuerjäger dem Kuriosum am Eingang zum Mittelmeer entgegengebracht wird. Kein Wort von einer „Kavallerie“, wo doch klar sein muss, dass sich Gibraltars Reichtum vor allem auf clever genutzte Privilegien gründet, die insbesondere den spanischen Fiskus angeblich eine Menge Einnahmen kosten.

          Welche Daumenschrauben eignen sich am besten?

          Dabei haben die Spanier, die sich unter dem Diktator Franco, welcher die Grenze einfach schloss, die Sympathien der Außenwelt verscherzten, an vielem selbst Schuld. Sie ließen es zu, dass sich in und um Gibraltar ein für bestimmte Teile auf beiden Seiten gefüllter Honigtopf auftat, von dem allerdings der Finanzminister Cristóbal Montoro nicht viel hat.

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          Nicht nur die rechtschaffenen Pendler, sondern auch die Schmuggler sind „llanitos“ von hüben und drüben, die klassisches Englisch so gut wie einschmeichelndes andalusisches Spanisch sprechen. Am Wochenende sind die Pubs der Kolonie oft verwaist, weil wohlhabende Gibraltarer ihre Villen an der spanischen Sonnenküste aufsuchen. Dort gibt es zum Kummer Montoros auch allerlei Unternehmen, die in Spanien etwas verdienen und in Gibraltar dafür, so sagt er, keine Steuern zahlen.

          Das soll nun anders werden, wenn es nach den Vorstellungen von Ministerpräsident Mariano Rajoy und Außenminister José Manuel García-Margallo geht. Dieser „Kavallerist“ prüft nicht nur, wo man Gibraltar wegen der territorialen Streitigkeiten über Gewässer, Flughafen und Grenzverlauf rechtlich am besten vorführen könnte - im UN-Sicherheitsrat oder vor dem Internationalen Gerichtshof im Haag -, sondern auch welche „Daumenschrauben“ sich mittelfristig am besten eigneten: Steuerprüfungen für Grenzgänger, ein Alltag mit langen Warteschlangen oder Geldstrafen für die schwimmenden Tankstellen.

          Das mediterran-britische Disneyland

          In Andorra haben beharrliche Kontrollen einigermaßen funktioniert. Das Ländchen, dem die Guardia Civil im Verbund mit dem Ko-Souveränitäts-Partner Frankreich heftig zusetzte, ist inzwischen die traurige Karikatur eines Duty-Free-Ladens in den Pyrenäen geworden. Doch Gibraltar, wo Wirtschaft und Patriotismus zusammenklingen - die erste offizielle Briefmarke für Prinz George war am Wochenende ein Kleinkunstwerk ihrer „public relations“ -, wird sich mit Londons Rückhalt zu wehren wissen. Und sollte es brenzlig werden, kann wieder eine Volksabstimmung abgehalten werden. Zuletzt bekannten sich Bürger im Jahr 2002 mit einer fast hundertprozentigen Mehrheit zu ihrer - auch finanziellen - Sonderstellung.

          Denn produziert wird dort nichts. Und das ist auch nicht nötig, solange historisch erkämpfte Vorteile - Gibraltar wurde, wie sein Chefminister Fabian Picardo, nie zu erwähnen vergisst, „erobert“ - wie Lizenzen zum Gelddrucken genutzt werden können. Dazu bringt der Kreuzfahrt-Tourismus spendable Gäste in das mediterran-britische Disneyland.

          Das Problem in der Öffentlichkeitsarbeit mit dem David an der Meerenge haben die Spanier. Sie agieren wie ein torkelnder Goliath mit einer Wechselbadpolitik der verpassten Chancen. In Dreiergesprächen zwischen London, Madrid und Gibraltar war schon einmal das Projekt einer Ko-Souveränität auf dem Tisch. Es wurde von der Felsenregierung mit dem Referendum erfolgreich hintertrieben. Dann kam in Gestalt des letzten sozialistischen Außenministers Miguel Ángel Moratinos ein Unterhändler, der die Chips schon bei Beginn über das grüne Tuch schob. Er war auch der erste seiner Zunft, der über die Grenze ging und so, vor erstauntem spanischem Publikum, „seinem eigenen Land einen offiziellen Besuch abstattete“. Nachfolger Margallo möchte das nun gern in innenpolitisch prekärer Lage - seine Partei ist tief in Korruptionsskandale verwickelt - mit Getöse korrigieren. Das wird schwerlich gelingen.

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