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Getränkeindustrie : Pfirsichwasser gegen Langeweile

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Mineralwasser mit Geschmack ist der Sommertrend Bild: dpa

Birne, Apfel, Erdbeere. Wasser mit Geschmack ist der Renner des heißen Sommers. Vor allem Frauen greifen zu.

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          Und, welcher Trinktyp sind Sie? Das Marktforschungsinstitut Rheingold unterscheidet den Pflichttrinker, den Erlebnistrinker, den einfachen Durstlöscher und den sogenannten Dauerbefeuchter. Letzterer ist Wasserfetischist, Marken haben für ihn eine hohe Bedeutung, und wahrscheinlich kennt er ihn längst, den Trend des Jahres: Wasser mit Geschmack.

          Was Volvic schon seit Mitte der neunziger Jahre im Programm hat, versuchen auf einmal die meisten Produzenten. Sie werfen in immer schnellerem Tempo Innovationen auf den deutschen Getränkemarkt, die alle etwas gemeinsam haben: Es geht um Wasser, dem Aromen und andere Zusatzstoffe beigemischt werden, ohne daß dabei die 20 Kalorien pro 100 Milliliter überschritten werden. Die Zeit der süffigen Limonaden ist vorbei. Heute trinkt man mit Geschmack, aber ohne schlechtes Gewissen.

          Apfel, Limone und Orange sind die Favoriten

          Ein Glück für den Mineralwassermarkt, der sich nach Jahren des steilen Wachstums langsam der Sättigungsgrenze nähert. Während im ersten Halbjahr 2006 laut AC Nielsen fast zwei Prozent weniger gewöhnlicher Sprudel verkauft wurden als im Vorjahreszeitraum und Heil- und Tafelwasser deutlich rückläufig waren, stieg der Absatz von Wasser mit Geschmack um 84 Prozent auf 325 Millionen Liter.

          Im Schnitt hat also jeder Deutsche in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast vier Liter aromatisiertes Wasser getrunken. Im vergangenen Jahr hatte sich der Verkauf schon beinahe verdoppelt. Lieblingssorten der Deutschen waren Apfel, Limone und Orange, gefolgt von Zitrone, Ginseng-Kräuter und Apfel-Birne.

          Flüssiger Obstsalat

          45 Prozent des Wachstums stammen aus neuen Produkten. So hat Volvic in diesem Monat die Sorte Rote Früchte auf den Markt gebracht, Gerolsteiner versucht es seit Mai mit Zitronen-, Apfel- und Orangengeschmack. Nestle ist in die Offensive gegangen mit Aquarel Apfel-Birne und Orange-Zitrone im Juni sowie Vittel Pfirsich, Erdbeer und Apfel im Juli dieses Jahres.

          Der Aldi-Lieferant Hansa-Heemann bringt im Juli die Sorte hella Kirsche in den Handel, nachdem sich Zitrone, Orange und Apfel seit März 2005 gut verkaufen und Erdbeere seit September der Markenspitzenreiter ist.

          Entspannter trinken

          Wer das alles trinken soll, darüber haben die Unternehmen unterschiedliche Vorstellungen. "Die Zielgruppe sind Frauen zwischen 20 und 49", sagt Anke Nitsch, Sprecherin von Gerolsteiner. "Ob das allerdings ankommt, wissen wir noch nicht." Außerdem will man die letzten Nichttrinker erreichen, denen Wasser allein einfach zu langweilig ist. "Normales Wasser ohne Kohlensäure finden viele einfach scheußlich", sagt Norbert Machauer von Frankenbrunnen.

          Jens Lönneker, der im Rheingold Institut das Trinkverhalten der Deutschen untersucht, sieht in dem Trend sogar den Ausdruck einer kulturpsychologischen Entwicklung. "Nach dem Krieg wollte man etwas Richtiges ins Glas und trank Limo." Ende der siebziger Jahre sei man gesundheitsbewußter und narzißtischer geworden und wandte sich dem Mineralwasser zu. "Heute gibt es eine Bewegung weg vom Egozentrismus der Neunziger. Wir entlasten uns, arbeiten nicht mehr wie verrückt an unserem Styling. Dazu gehört, daß wir auch bei Getränken entspannen können und uns mal etwas Geschmack im Wasser gönnen."

          Discounter als Trendsetter

          Klar ist, im deutschen Markt wird es immer schwieriger, die Zahl der Wassertrinker zu erhöhen. "Bereits 75 Prozent der Deutschen trinken mehrmals täglich Mineralwasser, 15 Prozent greifen mindestens einmal pro Woche zur Wasserflasche", sagt Arno Dopychai vom Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM). "Die Unternehmen versuchen jetzt, mit Nischenpolitik weiterzukommen."

          Vorreiter und Trendsetter sind dabei die Discounter, die schneller als viele andere Brunnen Wasser mit Geschmack für ihre Kunden entdeckt haben. Im vergangenen Jahr haben sie ihren Absatz in dieser Kategorie beinahe vervierfacht. Klar, daß die traditionellen Produzenten sich nicht das Wasser abgraben lassen wollen.

          Häufige Flops bei neuen Lebensmitteln

          Ob die Deutschen allerdings auch im nächsten Sommer noch Johannisbeer- oder Ginseng-Kräuter-Wasser trinken möchten, ist ungewiß. "Wir müssen sehen, was sich wiederverkauft", sagt Dopychai. Die Floprate bei neuen Lebensmitteln liegt bei über 70 Prozent. "Vor ein paar Jahren gab es eine ähnliche Neuerungswelle - hochfruchtsafthaltige Getränke. Davon ist nur eins übriggeblieben, die gute alte Apfelschorle."

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