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Getränke : Lieber Wodka als Gin

Bond an der Bar: Daniel Craig in „Casino Royale” Bild: ddp

Der Gin hat es schwer, sich gegen die russische Konkurrenz durchzusetzen - selbst James Bond läßt sich Wodka in seinen Dry Martini mixen. Die Brennereien des britischen Traditionsgetränks kämpfen um Marktanteile.

          Wenn es um einen Dry Martini geht, weiß James Bond genau, was er will. „Drei Anteile Gordon's Gin, ein Anteil Wodka, ein halber Anteil Kina Lillet, gut schütteln, bis er eiskalt ist, und ein großes Stück Zitronenschale dazugeben“, diktiert er einem französischen Barmann im Buch zum neuen Bond-Streifen „Casino Royale“, der am 23. November in die deutschen Kinos kommt. Der berühmteste Spion Ihrer Majestät hat einen besonderen Geschmack. In der klassischen Version wird der Dry Martini ausschließlich aus Gin und Wermut gemixt. Die meisten Landsleute von 007 jedoch geben neuerdings dem reinen Wodka-Martini den Vorzug - ohne Gin.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Für die Gin-Brennereien auf der Insel ist das ein ernstes Problem. Während der russische Kartoffelschnaps zur beliebtesten Spirituose der Briten geworden ist - und sogar den schottischen Whisky von der Spitzenposition verdrängt hat -, müssen sich die Gin-Produzenten mit nahezu stagnierendem Geschäft zufriedengeben. Zuletzt kam Gin auf einen Marktanteil von knapp 10 Prozent, deutlich abgeschlagen hinter Wodka mit einem Anteil von 28 Prozent.

          Bei Frauen wenig beliebt

          „Gin läßt sich im Gegensatz zu Wodka nicht mit allen möglichen Softdrinks mischen. Daher ist er beispielsweise bei den Frauen nicht so beliebt“, erklärt Graham Bateman von der „Gin & Vodka Association“. Zwischen 2000 und 2004 stieg der inländische Absatz um 10 Prozent auf 295.000 Hektoliter. Der Absatz von Wodka nahm in dieser Zeit um 30 Prozent auf 622.000 Hektoliter zu. Die Produzenten - vor allem internationale Konzerne wie Pernod Ricard (Beefeater), Diageo (Gordon's), Bacardi (Bombay Sapphire) - blicken daher ins Ausland, wo das einstige Lieblingsgetränk von „Queen Mum“ gefragter ist als in der Heimat.

          Ob geschüttelt oder gerührt, interessiert den neuen James Bond nicht mehr

          70 Prozent der Produktion wird in 200 Länder exportiert, vornehmlich in die Vereinigten Staaten, in die EU, nach Kanada und Japan. Spitzenreiter im Gin-Konsum sind die Philippinen. Allerdings wird dort hauptsächlich der heimische Ginebra San Miguel getrunken, der angeblich meistverkaufte Gin der Welt.

          Jahrhundertealte Geheimrezepte

          Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Engländer das gintrunkenste Volk der Erde - obwohl den Schnaps die Holländer erfunden hatten. Mehrere Versuche der Regierung, den ausufernden Konsum mit Steuern und Verboten zu dämpfen, schlugen fehl. 14 Millionen Liter Gin - passenderweise „Mother's Ruin“ genannt - flossen damals im Jahr in die Kehlen von einer halben Million Londonern. Auch in den Kolonien griff man beherzt zur Flasche. In Indien mischten die Briten das Tonic-Wasser, das gegen Malaria schützen sollte, mit Gin und kreierten damit die ersten Gin Tonics. Heute würden sie in Cocktailbars dafür kaum Abnehmer finden. Die frühen Spirituosen müssen abscheulich geschmeckt haben.

          Mit dem damaligen Schnaps hat der heutige Gin nur noch die Hauptbestandteile Getreidebranntwein und Wacholderbeeren gemeinsam. Verfeinert wird er mit teils exotischen Zutaten wie Koriander, Engelswurz, Mandeln, Muskatnuß, getrockneten Orangenschalen, Wasserminze oder Iriswurzeln. Die jahrhundertealten Rezepte sind so geheim, daß sich vermutlich sogar James Bond schwertun würde, sie aufzuspüren. Die Anleitung für den von ihm bevorzugten Gordon's beispielsweise sollen nur zwölf Menschen auf der Welt kennen.

          Balance der Aromen

          „Viele Leute glauben, daß Gin im Vergleich zu Whisky leicht industriell herzustellen ist. Tatsächlich gehören Fingerspitzengefühl dazu und gute natürliche Zutaten“, erklärt Desmond Payne, Master Distiller von Beefeater, der einzigen Gin-Brennerei, die den „London Dry Gin“ noch mitten in der Hauptstadt produziert. Hinter seinem Schreibtisch türmen sich hundert Pappschächtelchen gefüllt mit Wacholderbeeren. Die Kostproben wurden vor kurzem in Italien, Serbien und Mazedonien geerntet. Payne riecht an den Beeren, zerreibt sie in der Hand, schnuppert an dem ausgetretenen Öl. Nur ein kleiner Teil der hundert Kostproben liefert das richtige Aroma.

          Auch für den Brennvorgang haben die Unternehmen eigene Methoden entwickelt. Beefeater läßt das Beeren-Gewürze-Gemisch 24 Stunden in Getreideschnaps ruhen. Dann wird der hochprozentige Brei acht Stunden lang in Destillationsöfen gebrannt. Für den „Bombay Sapphire“ leiten die Brenner den Alkoholdampf durch ein mit Beeren und Gewürzen gefülltes Metallgefäß. Einige Unternehmen brennen den Gin mehrfach. Um „London Dry Gin“ auf das Etikett schreiben zu dürfen, muß der Branntwein laut einer EU-Definition mindestens ein weiteres Mal destilliert werden - ob in London oder anderswo, ist irrelevant. „Die Kunst besteht darin, die richtige Balance der Aromen zu finden“, erklärt Payne. Da Gin selten pur getrunken wird, muß er mit anderen Spirituosen harmonieren, ohne deren Aromen zu überdecken oder überdeckt zu werden. Entscheidend ist auch der Alkoholgehalt. Je hochprozentiger das Getränk, desto länger hält sich der typische Gin-Geschmack im Glas.

          Am liebsten stark und billig

          Ungeachtet der Begeisterung der Briten für den Wodka erwarten die Brennereien eine Renaissance des Traditionsgetränks. „Es gibt eine neue Generation von Barmännern, die Mixologists, die den Gin gerade wiederentdecken“, sagt Payne. Die Muttergesellschaft Pernod Ricard läßt daher gerade eine Bar in das alte Industriegebäude einbauen, um diese Klientel verstärkt zu umwerben. Andere Produzenten setzen auf ungewöhnliche Aromen wie Gurke und Rosenblätter (Hendrick's), mischen den Gin mit Wasser aus Island (Martin Millers) oder bringen Jahrgangs-Gin in numerierten Flaschen (Blackwood's) heraus.

          Ob James Bond, dessen Erfinder Ian Fleming jeden Tag eine Flasche Gin getrunken haben soll, von solchen Edeltropfen begeistert gewesen wäre, ist fraglich. Der Großteil der Briten zumindest mag es wie eh und je lieber stark und billig. 60 Prozent des Gin-Marktes außerhalb von Bars und Restaurants entfällt auf Eigenmarken von Supermarktketten wie Tesco und Sainsbury.

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