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Gesundheitswesen im Wandel : Wie Deutschland den Übergang zur digitalen Medizin verschläft

  • -Aktualisiert am

Automatische Verpackung von Medikamenten in einem sogenannten Reinraum in Hamburg. Bild: Lucas Wahl

Seit mehr als einem Jahrzehnt wollen Politik und Krankenkassen das deutsche Gesundheitswesens digitalisieren. Die Ergebnisse sind bislang bescheiden. Jetzt verzögert sich der Beginn der elektronischen Patientenakte. Auch andere Termine werden nicht eingehalten.

          Seit anderthalb Jahrzehnten betreiben Politik und Krankenkassen die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens. Bisher sind die Ergebnisse überschaubar. Die einzige verlässliche Konstante sind steigende Ausgaben und nicht eingehaltene Termine. So wundert nicht, dass der Spitzenverband der Krankenversicherung jetzt den vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Beginn der elektronischen Patientenakte Ende nächsten Jahres für obsolet erklärt: „Das wird mindestens zwei Jahre länger dauern“, sagt seine Vorsitzende Doris Pfeiffer. Kurz darauf fügt sie hinzu: „Das ist vermutlich schon optimistisch geschätzt.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Pfeiffer weiß, wovon sie redet. Seit 2003 ist sie mit „digital health“ befasst. Damals wollte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die elektronische Gesundheitskarte als Zutrittskarte für die digitale Welt der Gesundheitsdaten vom Jahr 2006 an einführen. Wäre Schmidts Zeitplan eingehalten worden, gäbe es heute in der Krankenversicherung keine Rezepte, keine Krankschreibungen, keine Überweisungen oder Arztberichte mehr auf Papier. Doch 14 Jahre später haben die Kassen zwar 1,35 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur ausgegeben, aber selbst den „elektronischen Medikationsplan“ gibt es einstweilen nur auf Papier.

          Nicht einmal eine sichere Internetverbindung

          Pfeiffer ist sehr skeptisch, dass es ihn, wie im Gesetz vorgeschrieben, Ende 2017 digital geben wird. Wieder einmal könne die Industrie die dafür nötigen Produkte nicht termingemäß liefern. Diesmal sei es die fehlende elektronische Signatur, ohne die die Ärzte Angaben wie die Notfalldaten nicht auf der Karte speichern können. Ohne den elektronischen „Heilberufeausweis“ (HBA) wird auch aus der Patientenakte nichts, auf die nach derzeitigem Stand Patient und Arzt nur gemeinsam Zugriff haben sollen. Ob es dabei bleibt und damit das Selbstbestimmungsrecht der Patienten eingeschränkt wird, ist nur eine der offenen Fragen. Andere lauten, wer denn bitteschön die Akte führt und organisiert: der Arzt, der Patient oder die Krankenkasse? Einstweilen geht aber nichts ohne den „Heilberufeausweis“ im Chipkartenformat, und der HBA ist beileibe nicht die einzige Fehlanzeige.

          Bisher verfügen die Praxen von Ärzten und Zahnärzten, die Krankenhäuser und Apotheken nicht einmal über eine sichere Internetverbindung zum Austausch sensibler Gesundheitsdaten. Die Industrie kommt mit der Lieferung der sogenannten Konnektoren nicht nach. Das sind nach höchsten Sicherheitskriterien gebaute Schnittstellen zwischen Praxiscomputer und Internet, über die ein sicherer Datenverkehr über das globale Datennetz möglich sein soll. Das Vergabeverfahren dafür war am 3. Dezember 2013 mit den beiden Bietern Compugroup Medical SE und T-Systems abgeschlossen worden. Zehn Monate später, im Oktober 2014, sollte geliefert werden. Tatsächlich hat man jetzt nach einer quälend langen Zeit immer neuer, nicht gehaltener Terminzusagen und wachsendem Druck des Gesundheitsministeriums das letzte Quartal dieses Jahres als Beginn der bundesweiten Auslieferung der kleinen Kästchen in die Arztpraxen in den Blick genommen.

          Pfeiffer hat eine lange Liste all der Dinge aufgestellt, die die Industrie nicht rechtzeitig geliefert oder falsch angestellt habe: fehlerhafte Testkarten, Kartenterminals, denen online keine neue Software aufgespielt werden konnte, „ständige Anpassungen/Verschiebungen der Zeitpläne“, mangelnde Qualität, veraltete Hardware, Entwicklungsprobleme beim Konnektor. „Seit Anfang 2015 kamen nahezu monatlich neue Termine für den Start der Erprobung“, beklagt Pfeiffer.

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